Ibis, Paul. "Auf Formosa: Ethnographische Wanderungen." Globus 31 (1877): 149-52, 167-71, 181-87, 196-200, 214-19, 230-35. [Original German-language text.]

Auf Formosa.

Ethnographische Wanderungen von Paul Ibis.

I.

Geographischer Ueberblick der Insel: Lage. - Geologischer Bau. - Erdbeben. - Küsten und Buchten. - Flüsse. - Klima. - Flora und Fauna. - Die Erzeugnisse der Insel. - Ihre Bevölkerung.

Im Anfange des Jahres 1875 lag S.K. Russischen Majestät Corvette "Askold" längere Zeit in Hong-kong vor Anker, und da der Dienst auf dem Schiffe meine Persönlichkeit leicht entbehren konnte, so benutzte ich die Monate Januar und Februar zu einer Reise durch die Insel Formosa, für welche, oder vielmehr für deren Eingeborenen mir die Japanische Expedition ein bedeutendes Interesse eingeflößt hatte.  Zweck dieser Reise war: erstens, wo möglich besser mit diesem so arg verschrienen Volke und seinem Zustande bekannt zu werden und seine Nationalität, über die ich oft Zweifel erheben gehört, festzustellen, und zweitens die Lösung der Frage, ob im Innern Formosas eine dunkle Race, ein Papua-Stamm, existirt, wie Fr. Müller in seiner Ethnographie (Novara-Reise) angegeben, oder nicht.

Der Zeitraum, in welchen meine Reise fiel, konnte kein günstigerer sein: die Japanesen hatten soeben Formosa geräumt; auf der Insel herrschte daher volle Ruhe, und die chinesische Regierung, welche vertragsmäßig die Verantwortlichkeit für das Treiben der Eingeborenen übernommen, baute, wenigstens in der ersten Zeit, fest auf eine längere Dauer derselben, und das mit Recht; denn ihre friedlichen Unterhandlungen mit den Häuptlingen verschiedener Stämme versprachen den besten Erfolg.  Seitens der Eingeborenen selbst war keine Gefahr zu befürchten: im Süden litten sie noch zu sehr unter den Eindruck der Schrecken, die die japanischen Waffen über sie verhängt, um neue Frevel an Fremden zu begehen; in den anderen Theilen der Insel aber erfreuen sie sich eines etwas bessern Rufes, als ihre Stammverwandten im Süden.  Ferner sind Januar und Februar gerade die schönsten Monate auf Formosa -- trocken und nicht heiß --, so daß manche natürlichen Hindernisse, wie schlüpfrige Pfade, übergetretene Ströme und Fieberanfälle, ganz aus der Zahl der zu überstehenden Schwierigkeiten wegfielen.

Mit Tasterzirkel, Meterstab und Notizbüchern versehen und so wenig als irgend möglich Gepäck mit mir führend, durchschritt ich die Insel von Süd nach Nord.  So oft es Umstände und Zeit zuließen, machte ich Abstecher zur Seite, um die Eingeborenen in ihren Territorien aufzusuchen, von denen ich meist freundlich empfangen wurde.  Auf diese Weise kam ich mit dreizehn Stämmen in Berührung, maß sie, zeichnete sie, beobachtete ihre Sitten und Gebräuche und sammelte Wörter aus ihren Sprachen, kurz ich hatte die Genugthuung, meinen Zweck zu erreichen.

Doch ehe ich an den eigentlichen Gegenstand dieser Arbeit, "die Eingeborenen Formosas", herantrete, will ich einen Blick auf die Insel selbst und ihren chinesischen Theil werfen, um desto klarer dann ihre Ethnographie behandeln zu können.

Formosa erstreckt sich von 21° 55' bis zu 25° 18½' nördl. Br. und von 120° 8' bis 122° östl. L. v. Gr.  Es mißt über 200 Seemeilen in der Länge und 75 Meilen an der breitesten Stelle und nimmt einen Flächenraum von etwa 1060 geograph. Quadratmeilen ein.  Obgleich nur 80 bis 100 Seemeilen vom Festlande entfernt, unterscheidet es sich doch wesentlich von demselben, sowohl dent geologischen Baue nach, wie in seiner Fauna und Flora; viel eher läßt es sich den Philippinen anreihen.  Denn wie diese, so ist auch die Insel Formosa rein vulcanischen Ursprungs.  Ihren eigentlichen Kern bildet eine scharfe Gebirgskette mit Gipfeln von 11,000 bis 12,000 Fuß Höhe, die sich bei einer Kammhöhe von etwa 8000 Fuß in nordnordöstlicher Richtung durch 115 Meilen hinzieht (von 22° 34' bis 24° 25' nördl. Br. und von 120° 44' bis 121° 15' östl. L.), eine strenge Wasserscheide bildend, dann nach Süden zu schnell an Höhe abnimmt, im Norden aber an eine ebenso hohe, nur 15 Meilen lange Querkette (Dodds-Range) stößt und in einem verworrenen Gebirgsknoten endigt.  Diese Hauptkette besteht aus Schiefer, dessen Schichten steil nach Osten abfallen.

Ihr Parallel laufen westlich einige verhältnißmäßig niedrige Ketten aus sedimentären Schieferarten, mit einem weit geringeren Schichtenfall; diese nehmen die eigentliche Mitte der Insel ein.  Dann folgen Terassen aus Lehm- und Sandschichten mit einer kaum merklichen Neigung nach Osten, und endlich die Ebene, welche fast den dritten Theil der Insel, ihre Westseite, einnimmt; nur langsam sich zur See hinneigend, bildet sie eine seichte, bloß an wenigen Stellen zugängliche Küste.

Beachtenswerth und erklärend für die Bildung der Westseite Formosas sind jene mächtigen Korallenblöcke, die sich an der Südwestküste vorfinden, nicht allein unmittelbar am Meere, sondern auch in einiger Entfernung von demselben.  Die größten von ihnen sind: der Ape Hill bei Ta-kao, eine atollähnliche Korallenmasse von 1110 Fuß Höhe, dann der Saddle Hill zwischen Ta-kao und Tang-kang, der 468 Fuß erreicht und einige Berge bei Long-kiau an der Südspitze, die auch nicht viel niedriger sein mögen.  Kleinere Blöcke oder einige Fuß über das Wasser erhobene Korallenriffe sieht man viel.

Oestlich von der Hauptkette scheint das Land durchaus rauh und gebirgig zu sein, und allem Anscheine nach laufen auch dort die Bergketten parallel der Wasserscheide.  Das Ufer erhebt sich meist direct aus dem Meere bis zu einigen Tausend Fuß Höhe.  Der Norden der Insel ist mit wenigen Ausnahmen auch bergig.  Die Ketten liegen hier parallel dem Dodds-Range und nehmen nach Norden zu an Höhe ab.  An der Küste bestehen sie aus Sandstein, dessen Schichten nach Süden fallen.  Bei Kelong enthalten sie Kohlen.  Zwischen Tamsui und Kelong, also im äußersten Norden, sind einige Vulcane, die Tatun-Gruppe genannt, deren höchster Punkt gegen 4000 Fuß über dem Meere liegt.  Aus der dortigen Solfataren wird in letzter Zeit mit Erfolg Schwefel gewonnen.  Andere Vulcane soll es auf der Insel nicht geben.  Einige Petroleumquellen im Dodds-Range sind hier noch zu erwähnen.

Das Südende der Insel, d.i. jener zu einer halbinselförmigen Spitze zusammenlaufende Theil derselben südlich von 22¼° nördl. Br., ist zwar kein hohes, aber ein rauhes und zerrissenes Bergland, das meist unmittelbar aus dem Meere emporsteigt.  Die kurzen Bergketten bestehen am Strande aus Sandstein, im Innern aus Schiefer, und die Schichten fallen überall steil nach Osten.  Kohlenlager habe ich nirgends bemerkt.  Am westlichen Ufer erkennt man stellenweise einige terrassenartig über einander liegende Strandlinien, von denen die obersten schon mit Gras und Gestrüpp bedeckt sind.  Es läßt sich daher schließen, daß dieses Ufer noch jetzt im Steigen begriffen ist, was man auch nördlicher bei Tai-wan-fu bemerkt hat; Fort Zelandia nämlich, das zur Zeit seiner Erbauung durch die Holländer, also vor 200 Jahren, hart am Meere stand, liegt jetzt eine halbe Meile landeinwärts, und der frühere Hafen von Tai-wan-fu existiert nicht mehr.

Erdbeben sind auf Formosa häufig, doch selten stark genug um irgend welchen Schaden anzurichten.  Die zwei Erdbeben, die ich während meines Aufenthalts auf der Insel verspürte, äußerten sich in einigen leichten, schnell auf einander folgenden Stößen, ohne von einem unterirdischen Getöse begleitet zu sein.

Die Küsten Formosas sind arm an Buchten.  An der Westseite hat nur Ta-kao (22° 37' nördl. Br.) einen guten, leider aber zu kleinen Hafen.  Derselbe wird durch ein langes, über das Wasser erhobenes Korallenriff gebildet, das sich parallel der Küste hinzieht, und früher wahrscheinlich mit dem Ape Hill zusammenhing, jetzt aber von diesem durch eine 11 Fuß tiefe und gegen 300 Fuß breite Durchfahrt getrennt ist.  Das solcherweise von der See abgeschnittene Becken mißt gegen sechs Meilen in der Länge und eine Meile in der Breite, hat aber nur in seinem nördlichen Theil, wo es einen kleinen Fluß aufnimmt, Wasser genug für Schiffe.  Durch den Ape Hill und das ziemlich hohe Riff gegen die herrschenden Winde geschützt, ist Ta-kao zu jeder Jahreszeit ein sicherer Ankerplatz(1). Die Rhede von Tai-wan-fu ist vollkommen offen und unsicher; die Schiffe ankern da weit vom Ufer und die Landung kann nur auf Flößen bewerkstelligt werden, weil der Strand selbst für Bote zu seicht ist.  An der Ostküste der Insel sind zwei kleine Buchten, welche nach Aussage einiger Mandarinen sich leicht und ohne bedeutende Kosten in gute Häfen umwandeln ließen.  Es sind: Sau-o-Bay (24° 37½' nördl. Br.) und Tschok-e-dan (24° 7' nördl. Br.).  Im Norden der Insel ist die tief in die Berge eingeschnittene und gegen alle Winde gedeckte Bucht von Kelong (25° 9' nördl. Br.) ein in jeder Hinsicht vortrefflicher Ankerplatz für Schiffe von mittlerer Tiefe; doch hat sie bis jetzt wenig Bedeutung für den Handel, da das dortige Kohlenbergwerk in einer zu primitiven Weise betrieben wird, um viel für den Export bieten zu können; für die Ausfuhr der übrigen Producte des Nordens aber, wie Thee, Kampfer und Indigo, liegt Tamsui weit bequemer.  Dieser Hafen, oder besser die Mündung des Tamsui-Flusses giebt der Bucht von Kelong in nichts nach, nur liegt an der Einfahrt eine Barre, welche bei der Ebbe nicht mehr als 7 Fuß Wasser hat (bei der Fluth indeß bis 21 Fuß). Im Südwesten der Insel eignet sich die Bucht von Long-kiau (22° 7' nördl. Br.) während des Nordost-Monsuns als Ankerplatz.

Von Flüssen sind nur zwei für die Insel von Bedeutung: der Tamsui-Fluß im Norden und der Tang-kang Fluß im Südwesten.  Der erste, der sich in der Breite von 25° 11' ins Meer ergießt, besteht aus zwei Armen - dem Toka-ham und Sam-quai -, die sich etwa 10 Meilen vor der Mündung vereinigen und dann noch die Wasser des Kelong-Flusses annehmen.  Beide Arme sind 30 bis 40 Meilen in ihrem Laufe für Boote schiffbar, daher wichtig für den Handel, besonders für den Kampferhandel, dessen Hauptquelle in den Bergen liegt, aus denen sie ihren Ursprung nehmen.  Der Tang-kang Fluß entspringt aus dem Gebirge Mittel Formosas und zwar auch in zwei Armen, welche, durch eine Bergkette getrennt, parallel nach Süden der Ebene zufließen. Unter 23° nördl. Br., wo ich beide Arme im mittlern Laufe durchschritt, waren sie schon bedeutende Ströme und trotz der trockenen Jahreszeit für Boote befahrbar; ihre Quellen muß man daher wenigstens 30 bis 40 Meilen nördlicher suchen.  In der Ebene vereinigen sie sich und noch einige Nebenflüsse aufnehmend bilden sie einen breiten, leider aber seichten Strom, der sich bei der Stadt Tang-kang (22° 28' nördl. Br.) in die See ergießt.  Während der Regenzeit tritt der Tang-kang-Fluß aus seinen Ufern und überschwemmt in der Ebene einen Streifen Land von 4 bis 5 Meilen Breite, der durch die alljährlich hinterlassenen Sandmassen in eine Wüste verwandelt ist.  Da diese Sandmassen zugleich das Flußbett verstopfen, so dehnt sich der Fluß mit seinen Ueberschwemmungen immer mehr und mehr in die Breite aus, wodurch in Tang-kang, das hart am linken Ufer liegt, in jedem Jahr eine Häuserreihe weggespült wird.  Die übrigen Flüsse der Insel sind bedeutungslos für den Handel; es sind meist Bergströme, die im Winter fast austrocknen, während der Regenzeit aber schnell und hoch anschwellen und jeden Verkehr hemmen.

Das Klima Formosas ist bis zu 24° nördl. Br. tropisch. Es giebt hier nur zwei Jahreszeiten, eine nasse und eine trockene.  Die erste beginnt im Mai mit dem Südwest-Monsun und endigt im September mit Eintritt des Nordost-Monsuns.  Sie bringt bei starker Hitze ungeheure Regenmassen, die sich in periodischen Güssen jeden Nachmittag entladen.  Im Juli ist der Regen im Maximum seiner Mächtigkeit, worauf er an Stärke allmälig nachläßt.  Vom September bis April währt die trockene Jahreszeit; es fällt dann buchstäblich kein Tropfen Regen, selbst keine Wolke trübt den Himmel, und die Hitze ist, bis März wenigstens, eine sehr erträgliche.  Nördlich von 24° nördl. Br. hört diese Regelmäßigkeit auf. Dort bringt im Gegentheil der Winter viel Regen, während der Sommer verhältnismäßig trocken genannt werden kann.  Man hat mir gesagt, daß es in Tamsui während der Wintermonate oft wochenlang ohne Unterbrechung regne und die Sonne Monate hindurch nicht zu sehen sei, was durchaus nicht unwahrscheinlich klingt, wenn man bedenkt, daß es eben Nord-Formosa ist, welches während der Dauer des Nordost-Monsuns seine dichten Nebel über die ganze Formosa-Straße aussendet.

In Folge dieser reichen Niederschläge ist die Vegetation auf Formosa eine sehr üppige: die gebirgigen Theile der Insel sind im Süden  mit undurchdringlichem Dschungel bedeckt, einem phantastisch von Lianen durchwobenen Wirrwarr der mannigfachsten Baumarten, riesiger Farren und Farrenbäume.  Im Norden dehnen sich mächtige Kampferwälder aus, die kaum irgendwo ihres gleichen haben.  Die Ebene ist einer der fruchtbarsten und cultiviertesten Landstriche, die ich je gesehen: Weizen, Mais, Reis und Zucker geben hier reiche Ernten; Ananas, Bananen, Ingwer, Mango, Orangen, und Citronen, kurz die meisten tropischen und subtropischen Früchte gedeihen vortrefflich; der Bambus schießt zu einer Höhe von 80 bis 90 Fuß empor und die zierliche Arecapalme wächst hier nicht minder üppig als auf den Sunda-Inseln; die Kokospalme fehlt aber.

Auch die Fauna Formosas scheint reich zu sein und soll einige selbständige Arten haben, z.B. einen formosanischen Hirsch, ein Schuppenthier und einen Fasan.  Schlangen und giftige Insecten sind schwach vertreten, letztere erscheinen nur während der Regenzeit.  Fledermäuse und fliegende Hunde scheint es in vielen Arten zu geben.  An Fischen ist besonders die Westküste reich.  Eingeführt sind aus China: der Büffel, wie es scheint auch das Schwein und der Hund.  Das Pferd fehlt ganz.

Die Producte, welche Formosa dem Handel liefert, sind bis jetzt Zucker, Thee, Reis, Früchte und Gemüse, Indigo, Kampfer, Oel, Hanf, Thierhäute und Hörner, Fisch, Sesam, Gelbwurz, Seegras und Agar-Agar, verschiedene Holzarten (besonders harte--hard wood) und Steinkohlen.  Die Ausfuhr beläuft sich auf 2,000,000 Tael, die Einfuhr auf etwa 1,750,000 Tael (3 Tael = 6 2/3 Thaler); beides ist im Steigen begriffen(2).

Formosa ist von zwei verschiedenen Menschenracen bevölkert: von Chinesen und Malayen.  Die ersten, die bei Weitem zahlreicheren, sind Einwanderer (meist aus der gegenüberliegenden Provinz Fu-kiang).  Sie nehmen die ebene Westseite der Insel und ihren Norden ein.  Die letzeren, etwa 150,000 bis 200,000 Köpfe, sind die bei Weitem älteren Bewohner der Insel und können daher als Eingeborene betrachtet werden.  Sie leben in kleinen unabhängigen Stämmen in den gebirgigen Theilen der Insel, behaupten also deren Ostseite und Südspitze.  Zwischen diesen freien Eingeborenen, von den Chinesen "Ka-té" (Die Wilden) genannt, und den Chinesen leben einige halbcivilisirte Stämme, die mehr oder minder von der chinesischen Regierung abhängig geworden sind.

Eine Papua-Race oder eine ihr nahestehende existiert nicht im Innern Formosas; weder die Chinesen noch die Eingeborenen selbst wissen etwas von ihr.  Wahrscheinlich hat man die häßlichen und dunkler als andere Stämme gefärbten Bewohner der Südspitze für diese angesehen.  Möglich aber, das die Malayen bei der Besitznahme der Insel ein anderes, dunkles Volk hier vorfanden, theils es in Kriegen ausrotteten, theils sich auch mit ihm vermischten, wodurch die zahllosen Stämme und fast ebenso vielen Stammtypen entstehen konnten, die sich besonders in der hellern oder dunklern Hautfarbe von einander unterscheiden.

Auf Formosa.

Ethnographische Wanderungen von Paul Ibis.

II.

Die chinesische Besitzungen auf Formosa: Die Colonisation Formosas durch Chinesen im 15. Jahrhundert. -- Die Holländer auf Formosa.-- Coxinga und die Eroberung von Tai-wan-fu. -- Eintheilung der chinesischen Besitzungen in fünf Präfecturen. -- Die Städte. -- Tai-wan-fu. -- Die Administration der Insel. -- Die chinesische Truppenmacht auf Formosa. -- Der Anfang und Verlauf der Unruhen in Südformosa im Jahre 1875. -- Die Stellung der chinesischen Regierung zu den Eingeborenen: Ihr Verhältniß zu denselben vor und nach der japanischen Expedition. -- Unterhandlungen mit den Stammältesten. - Straßenbau durch das Gebirge. -- Die christlichen Missionäre auf Formosa.

Als im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts(3) die ersten Chinesen sich an der Westküste Formosas niederließen, fanden sie in den Eingeborenen ein gutes Volk vor, das ihnen gern Land überließ und mit ihnen in einen regen Handelsverkehr trat.  Doch waren die freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Theilen von keiner Dauer: der allzugroße Zufluß der Fremden, ihre Habsucht und ihr anmaßendes Wesen riefen bald Zwistigkeiten hervor, welche den Grund legten zu der erbitterten Racenfeindschaft, die bis heute währt.  In Folge dieser Zwistigkeiten, die nicht selten in blutige Kämpfe ausarteten, zögerte die chinesische Regierung lange die Insel als Colonie anzuerkennen; daher hatte sie auch wenig Bedenken, Formosa den Holländern für die Räumung der Pescadores-Inseln anzubieten, als diese im Jahre 1622 die genannte Gruppe plötzlich besetzten und zu befestigen anfingen. Die Holländer gingen auf diesen Tausch ein und landeten 1624 bei Tai-wan-fu, wo sie sofort zum Bau des starken Forts Zelandia schritten.  Nach Verlauf von zehn Jahren hatten sie sich auch in Takao, Tamsui, und Kelong befestigt, waren also die Herren der ganzen West und Nordküste.  Mit den Malayen standen sie auf besserm Fuße als die Chinesen; sie führten unter ihnen die Gesetze des Mutterlandes ein, gründeten Schulen, predigten ihnen das Christenthum und, um sie womöglich fester an sich zu knüpfen, verheiratheten sie sich größtentheils mit eingeborenen Frauen.  Gegen die chinesischen Einwanderer indeß, die in besonders großer Anzahl während des Verfalls der Ming-Dynastie nach Formosa strömten, beobachteten die Holländer eine feindselige Politik, aus Furcht von ihnen verdrängt zu werden.

Während der Verwirrungen, welche der Sturz der Ming-Dynastie und der Uebergang des Thrones an die Mandschu in China hervorrief, erklärten sich in entlegenen Theilen des Reiches manche populäre Statthalter für unabhängig.  Das that auch der Statthalter von Amoy, Tschin-tschin-kung oder Coxinga, ein muthiger, energischer Mann, den man, ich weiß nicht aus welchem Grunde, den "Seeräuber Coxinga" nennt.  In richtiger Erkenntniß, daß er sich auf dem Festlande nicht lange gegen die Mandschu würde halten können, richtete er seine Aufmerksamkeit auf Formosa, das ihm aus seinen Handelsbeziehungen zu den Holländern gut genug bekannt war. Auch sagt man, daß seine Mutter eine Formosanerin gewesen sei.  Nachdem er sich im Geheimen des Beistandes der auf Formosa ansässigen Chinesen versichert, landete er mit 25,000 Mann bei Tai-wan-fu, blockirte den Hafen und belagerte die Stadt.  Nach einer neunmonatlichen Belagerung, während welcher die Holländer alle möglichen Entbehrungen zu erdulden hatten, ergab sich die Stadt, und Coxinga erklärte sich zum König von Formosa (1662).  Nach seinem Tode, der bald darauf erfolgte, behauptete die Insel noch einige Zeit ihre Unabhängigkeit, und erst im Jahre 1683 trat sie freiwillig unter die Botmäßigkeit Chinas.

Seitdem ist Formosa oder richtiger West- und Nordformosa dem chinesischen Reiche einverleibt.  Die Malayen sind mit geringer Ausnahme aus der Ebene verschwunde - theils mögen sie ausgestorben sein, theils sich in die Berge zurückgezogen haben, wo die chinesische Autorität nicht weit geht.  Die Ebene ernährt jetzt eine Bevölkerung, so dicht wie die der reichsten Provinzen Chinas, und hat eine Bodencultur wie sie nicht sorgfältiger gedacht werden kann; denn jeder Fleck ist bebaut.  Städte, die über 10,000 Einwohner haben, sind zahlreich, und blühende Dörfer mit mehr als 1000 Seelen liegen hart an einander.  Nimmt man für die chinesische Bevölkerung Formosas die Zahl von 3 Millionen an, so ist das meiner Ansicht nach nicht hoch gegriffen; chinesische Angaben taxiren sie auf mehr als 10 Millionen, was jedoch stark übertrieben ist.

Die chinesischen Besitzungen auf Formosa sind in fünf Präfecturen eingetheilt. Es sind: im Norden Tamsui mit der Hauptstadt Töck-tscham (mit etwa 30,000 Einw.), eine reiche Gegend, wo in letzter Zeit besonders der Theebau grossen Aufschwung nimmt.  Zu ihr zählt auch das unlängst von Chinesen colonisierte Thal Kamolan-ting(4) an der Ostküste, das sich nach Süden bis zur Sau-o-Bay ausdehnt.

Dann folgen in der Ebene Tschang-hwa-hién mit der Stadt Tschang-hwa (gegen 15,000 Einw.), Kagi-hién mit Kagi (10,000 bis 15,000 Einw.) und Tai-wan-hién mit Tai-wan-fu, der Hauptstadt der Insel (75,000 Einw.).  Die letzte begreift in sich auch das Bergland Mittelformosas, das Gebiet der Pepo-hwan, eines civilisirten Malayenstammes.  In allen dreien ist der Zuckerbau in Blüthe.

Die südlichste Präfectur ist Fung-shan-hién mit der Hauptstadt Pitau (15,000 Einw.), der fruchtbarste und, wie es schient, am stärksten bevölkerte Theil der Insel; auch hier wird neben Areca und Reis viel Zucker gebaut.  Zu Fung-shan-hién zählt jetzt auch Long-kiau an der Südspitze, eine unruhige Gegend, welche vor der japanischen Expedition zwar von den Chinesen bewohnt, nicht aber von der Regierung als ihre Besitzung anerkannt wurde.  Der mit den Japanesen geschlossene Vertrag verpflichtete sie indeß, den Ort zu befestigen, um die umwohnenden Stämme der Eingeborenen in Ruhe zu halten.  Mit der Besitznahme von Long-kiau (am 24. December 1874) wurden zugleich einige Fischerdörfer nördlicher am Strande befestigt, welche früher ebenfalls nicht unter Controle der Regierung standen; dadurch sollte eine sichere Landverbindung  zwischen der Südspitze und der Ebene durch das Territorium der Eingeborenen hergestellt werden.  Ferner werden Tang-kang, Takao und Tai-wan-fu befestigt, um auch gegen Feinde von außen, wie es im Jahre 1874 die Japanesen waren, geschützt zu sein; nördlich von Tai-wan-fu ist das überflüssig, da die ganze Küste zu seicht ist, um mit Schiffen auf Schußweite heranzukommen.

Die genannten Städte sind alle zu d. h. befestigt (mit einer Mauer von enormer Dicke umgeben).  Außer Tai-wan-fu, der Hauptstadt der Insel, verdient keine von ihnen näher beschrieben zu werden; es sind gewöhnliche chinesische Städte mit kleinen, leichten, dem Klima angepaßten Häusern, mit engen, nicht gerade reinlichen Straßen, deren eine auf ein Haar der andern gleicht, und mit dem so oft beschriebenen bunten, betäubenden Leben in ihnen, das nur, einen Fremdling interessiren kann, einen in China bewanderten aber mächtig hinaus ins Freie oder in sein armseliges Logis treibt.  Die Gasthäuser in diesen Städten sind zugleich Opiumhäuser -- ekelerregende Höhlen.

In Tai-wan-fu kann man sich schon einen Tag aufhalten, ohne von Langeweile belästigt zu werden, aber auch nicht länger.  Unter ihren wenigen Sehenswürdigkeiten steht in erster Linie die Ruine des mächtigen Forts Zelandia(5), die zwei Meilen außerhalb der Stadt in der Nachbarschaft des Hafenplatzes An-ping liegt.  Es ist ein Stück solider, auf Jahrhunderte berechneter Arbeit, wie all die holländischen Bauten auf Formosa (denn auch in Takau, Tamsui, und Kelong haben sich einige holländische Gebäude in einem mehr oder minder guten Zustande erhalten, wie z. B. das jetzige englische Consulat in Tamsui).  Leider ließ die chinesische Regierung im vorigen Jahre einen bedeutenden Theil von Zelandia niederreißen, um aus dem äußerst festen Material zwei neue Forts zu erbauen, was dem Gesammteindruck der Ruine großen Einbruch thut.  Mitten in der Stadt stehen ferner die Ueberreste einer kleinen holländischen Burg, welche zu entfernen viel zu schwer und theuer ist, um je unternommen zu werden; die praktischen Chinesen haben daher einige Gewölbe in ihr in Wohnungen, andere in Schweineställe verwandelt.  Die Tempel in Tai-wan-fu sind kaum der Besichtigung werth; sie zeichnen sich weder durch Reichthum noch in architektonischer Hinsicht besonders aus und sind recht unreinlich.  Die meisten Tempel sind dem Confucius geweiht, dessen Lehre die herrschende auf Formosa ist.

Die Stadt selbst nimmt einen bedeutenden Flächenraum ein; die Mauer, welche sie umgiebt, mißt 4 Meilen im Umfange und hat acht Thore, deren jedes einen hohen Wartthurm trägt.  Die Straßen sind nur 8 bis 10 Fuß breit, geradlinig, mit Ziegeln gepflastert, und was das Seltenste in einer chinesischen Stadt, sie werden rein gehalten.  Größere Handelsstraßen sind oben mit Bretterschirmen zugedeckt; in diese Schirme sind stellenweise Perlmutterscheiben eingesetzt, so daß die Straßen am Tage hinreichend erleuchtet sind.  Die Beleuchtung bei Nacht läßt nichts zu wünschen übrig: unzählige Papierlaternen, die in und vor den Buden dicht neben einander brennen, verbreiten ein sanftes dem Auge wohlthuendes Licht und geben der Straße mit der in ihr wogenden Menschenmasse ein recht phantastisches Aussehen.  Um 8 Uhr Abends ist Torschluß, und etwas später werden auch die einzelnen Straßen - größere sogar auf mehreren Stellen -- durch Bambuspforten gesperrt, eine praktische Maßregel der Polizei, die in allen größeren Städten Chinas existirt.

An die West- und Südwestseite der Stadtmauer lehnt sich eine große Vorstadt mit breiteren Straßen und besseren Häusern als innerhalb der Mauer.  Es ist das von den reicheren Kaufleuten bewohnte Viertel, während in der Stadt selbst wesentlich Kleinhändler und Handwerker leben.  Unter letzteren sind besonders viel Silberarbeiter, die sich durch ihre solide und billige Arbeit einen guten Ruf in ganz China erworben haben; doch können sie sich nicht mit den Silberarbeitern Kantons, was Geschmack, Reinheit und Zierlichkeit in der Ausführung ihrer Leistungen anbelangt, messen.

Da Tai-wan-fu 1½ Meilen von der Küste entfernt liegt, so sind die Comptoirs der europäischen Handelsfirmen und das Zollhaus in An-ping.  Die Europäer selbst haben ihre Wohnungen in der Stadt und meist in chinesischen Häusern.  Ihre Gesellschaft beschränkt sich bloß auf 8 bis 10 Seelen; in den drei anderen Hafenstädten sind ihrer nicht viel mehr, so daß die Gesammtzahl der Europäer auf Formosa wenig über 50 geht (Frauen lebten dort nur zwei).  Es sind zum größten Theil Kaufleute, Agenten reicher Häuser in Amoy, die den Handel der Insel fast ausschließlich in ihren Händen haben.

Chinesische Angaben schätzen die Einwohnerzahl von Tai-wan-fu auf 200,000, ich weiß nicht worauf fußend, denn nie, so lange die Stadt steht, ist eine Zählung vorgenommen worden.  Nach der Ansicht des dortigen britischen Consuls übersteigt sie nicht 75,000, und das scheint mir viel wayrscheinlicher.

Die Garnison der Stadt besteht aus etwa 10,000 Mann Fußvolk; auf der ganzen Insel sind gegen 20,000.  Was aber an diesen 20,000 Mann ist und was von ihnen erwartet werden kann, ergiebt sich von selbst, wenn man bedenkt, daß sie aus allen möglichen Tagedieben und Herumtreibern zusammengesetzt sind, also moralisch auf einer niedrigen Stufe stehen.  Ein ordentlicher Chinese, der Arbeit finden kann, wird nie Soldat und vermeidet womöglich allen Verkehr mit diesen Gesellen, deren einzige Beschäftigung und einziger Zeitvertreib Opium und Karten sind.  Dazu ist der chinesische Soldat hier wie in China selbst schlecht disciplinirt, traurig mit Luntengewehren, Speeren und dergleichen vorsintfluthlichem Kram bewaffnet und, was sich wiederholt erwiesen, unterliegt leicht den Entbehrungen und Strapatzen, die ein Feldzug in die Berge gegen die Eingeborenen nothwendig mit sich bringt.  Doch steht zu hoffen, daß die Reformen, die sich jetzt in der chinesischen Armee und Flotte -- zwar langsam aber gründlich -- vollziehen, auch hier bald Eingang finden werden.

Die Administration der Insel ist wie in ganz China: jede Präfectur steht unter einem Mandarin dritter oder vierter Classe, dessen Posten bei großer Verantwortlichkeit mit einer verhältnißmäßig geringen Selbständigkeit verbunden ist.  Denn in jedem einigermaßen außerordentlichen Falle hat er dem Gouverneur in Tai-wan-fu Bericht zu erstatten und dessen Anweisungen abzuwarten, ehe er irgend welche Maßregeln ergreifen kann.  Der Gouverneur der Insel, ein Mandarin zweiter Classe, steht selbst in ähnlicher Abhängigkeit vom Generalgouverneur der Provinz Fu-kiang, zu welcher Formosa gerechnet wird.  Wie umständlich und zeitraubend eine solche Wirthschaft ist, ist klar, und welche schlimme Folgen mitunter dieses Melden, Anfragen und Abwarten haben kann, zeigt am besten folgender Fall, der uns zugleich auf das Verhältniß der chinesischen Regierung zu den Eingeborenen überleitet:

Mitte Januar 1875, als die Friedensunterhandlungen mit den Häuptlingen der Stämme von Süd-Formosa gerade die besten Erfolge versprachen, wurden auf dem wilden Wege nach Long-kiau einige chinesische Soldaten von Eingeborenen überfallen und ermordet.  Der Commandant von Long-kiau, der über 2000 Mann befehligte, konnte nichts anderes thun als die Sache dem Präfecten von Fung-shan-hién zu melden, der sie seinerseits dem Gouverneur der Insel vorlegte.  Von diesem ging sie weiter nach Fu-tschau zum Generalgouverneur und von da nach Peking.  Die  Neujahrsgeschäfte und der darauf erfolgende Tod des Kaisers nahmen den Pekinger Hof damals so sehr in Anspruch, daß die Entscheidung der Formosa-Frage als eine unbedeutende auf ruhigere Zeiten verschoben ward.  Unterdessen war ein Monat verflossen.  Die Eingeborenen, welche wenig Kenntniß von der Wichtigkeit des chinesischen Neujahrs noch von dem Tode des Kaisers haben mochten, erklärten sich dieses Zögern von chinesischer Seite einzig und allein durch deren Feigheit.  Daher sammelten sie in aller Stille ihre Kräfte und überrumpelten in einer Nacht das Lager im Dorfe Hong-kong (22° 11' nördl. Br.), wo neunzig Chinesen, unter ihnen auch Mandarinen, das Leben ließen.  Wieder wurde rapportirt und angefragt, bis endlich eine Antwort vom Hofe erfolgte; sie lautete: "die Eingeborenen mit Waffen zu strafen."  Dasselbe hätte der Commandant von Long-kiau mit seinen 2000 Mann schon am Tage nach dem ersten Morde thun können, und, soweit ich ihn persönlich kennen und seinen gesunden, klaren Verstand achten gelernt, er hätte es mit besserm Erfolg ausgeführt als es jetzt der ganzen Truppenmacht Formosas gelang.  Denn damals stand der strafbare Stamm noch allein da; ein energischer Angriff hätte ihn auseinander gesprengt und die Ruhe wäre hergestellt worden, da sich die meisten Stämme noch nicht von dem Schlage erholt hatten, den ihnen die Japanesn zugefügt.  Jetzt aber hoben sie allmälig die Köpfe.  Aus der Unthätigkeit der Chinesen, wie gesagt, ihre Schwäche und Feigheit folgernd, glaubten sie sich stark genug, um diese von der Küste zu vertreiben, ihre Befestigungen zu zerstören, kurz ihre Unabhängigkeit für kommende Zeiten wahren zu können. Ein Stamm nach dem andern schloß sich daher den Friedensstörern an, und anscheinend auf die Verträge mit den Chinesen eingehend und die friedfertigsten Gesinnungen zur Schau tragend, rüsteten sie sich eifrig zum Kampfe.  Der Ueberfall von Hong-kong zeigte klar, wohin sie hinaus wollten: es war die Herausforderung zum Kriege.  Als jetzt im März die chinesischen Truppen in die Berge drangen, wurden sie zurückgeschlagen oder geschickt in Schluchten gelockt, eingeschlossen und jämmerlich mitgenommen.  Zudem nahete sich die heiße Jahreszeit und unter den Soldaten brach das Fieber aus, daß ebenso viel oder noch mehr Leben raubte als die Kugeln und Pfeile der Feinde.  Die Truppen von Formosa erwiesen sich nicht hinreichend; eine Verstärkung von 10,000 Mann mußte ihnen aus Fu-kiang zugesandt werden.  Aber auch diese konnten die Sachlage nicht wesentlich ändern, und, wie ich zuletzt in Hong-kong (Februar 1876) hörte, ist noch jetzt die Ruhe in Süd-Formosa nicht hergestellt.

Und ob sie bald hergestellt werden wird ist eine schwer zu beantwortende Frage.  Die Stämme von Süd-Formosa sind die kriegerischsten und verwegensten von allen; sie sind fest entschlossen, ihre Freiheit bis aufs Aeußerste zu vertheidigen.  Zwar zählen sie alle zusammen nicht über 2000 Mann, doch haben sie auf ihrer Seite die Vortheile des Landes, einer rauhen, vollständig wilden, nur an wenigen Stellen zugänglichen Gegend, wo jeder Fluß, jeder Bergpfad und jede Schlucht an und für sich eine Festung ist.  Ferner lassen sie sich nie in einen offenen Kampf ein, der für sie unvortheilhaft ausfallen könnte, sondern ungesehen, ungeahnt folgen sie dem Feinde auf dem Fuße, bald ihn aus dem Gebüsch beschießend, bald durch plötzliche Ueberfälle schwächend, oder in Schlupfwinkel lockend, aus denen der Rückzug nur mit bedeutendem Verlust möglich ist.  Erwägt man also, daß Energie, Kühnheit und natürliche Vortheile auf Seite der Angegriffenen, Unentschlossenheit, Feigheit und völlige Unkenntniß der Gegend aber auf Seite der Angreifenden sind, so kommt man leicht zum Schlusse, daß im Mittel zehn Chinesen gegen einen Eingeborenen nicht hinreichen werden, daß also nur durch großen Kraftaufwand Süd-Formosa der chinesischen Regierung unterworfen werden kann.

Wie aus dem Erzählten zu sehen, waren es die Eingeborenen selbst, welche den Krieg hervorriefen; im Sinne der chinesischen Regierung lag er nie, weder hier im Süden noch in irgend einem andern Theil der Insel.  Vor der japanischen Expedition dachte sie überhaupt nicht viel daran ihre Autorität in den Bergen zur Geltung zu bringen, am allerwenigsten durch Gewalt der Waffen.  Weshalb sollte sie es auch?  Die ganze Insel gehörte nominell ihr; niemand hatte sie ihr bis dahin streitig machen wollen, niemand sich darum bekümmert, welcher Art ihre Verhältnisse zu den Eingeborenen waren, noch von ihr Rechenschaft verlangt für den Strandraub, der an der Süd- und Südostküste getrieben wurde.  Die japanische Expedition änderte indeß die Sachlage: die Erörterungen, welche sie zur Folge hatte, machten es der chinesischen Regierung klar, wie unbegründet ihre Ansprüche auf die ganze Insel waren und bleiben würden, wenn die Eingeborenen ihre Autorität nicht anerkennen, und ferner, wie nahe ihr unter solchen Umständen die Gefahr lag, eine andere Macht neben sich auf Formosa dulden zu müssen.  Für jetzt war sie dieser Gefahr zwar glücklich entgangen durch den Vertrag vom November 1874, nach welchem die Japanesen Long-kiau aufgaben, die Chinesen aber die Verantwortlichkeit für die Handlungen der Eingeborenen übernahmen, aber auch einer möglichen Wiederkehr derselben mußte vorgebeugt werden: die Eingeborenen mußten daher unter chinesischen Einfluß gebracht werden, vor allen die an den Küsten lebenden Stämme welche am leichtesten Anlaß zu Unannehmlichkeiten mit fremden Mächten geben konnten.  Das Project, nach welchem dieses erreicht werden sollte, war ebenso human wie scharfsinnig in der Theorie; es mußte sich danach alles auf dem friedlichsten Wege und theilweise von selbst vollziehen.  Den Häuptlingen (Taurangs) der verschiedenen Stämme waren nämlich derartige jährliche Geschenke in Aussicht zu stellen, die es ihnen vortheilhaft machen würden, der Regierung in einigen Punkten Gehorsam zu leisten, also in eine gelinde Abhängigkeit von ihr zu treten; mit deren Zustimmung sollten dann einige von Chinesen bewohnte Dörfer an den Küsten besetzt werden; endlich, und dies war der Schwerpunkt des Projects, sollten durch das Gebirge und längs der Ostküste gute Straßen gebaut werden, welche alle von Chinesen besetzte oder bewohnte Plätze mit einander und mit der Ebene verbinden sollten, ein Werk, wogegen die Eingeborenen nichts haben konnten.  Die Unterhandlungen mit den Häuptlingen wurden im Januar 1875 eröffnet.  Im Süden, wie wir gesehen, scheiterten sie leider; weiter im Norden aber scheinen sie wirklich eine guten Verlauf zu nehmen; denn während meines Aufenthalts auf der Insel war schon eine Straße aus der Ebene zur Ostküste (unter 22 1/2° nördl. Br.) vollendet, und der Bau einer andern längs der ganzen Ostküste schritt rüstig weiter, ohne daß von Reibungen mit den Eingeborenen etwas zu hören war(6).

Diese Straßen müssen mit der Zeit einen gewaltigen Einfluß auf die Eingeborenen ausüben.  Denn wie alle Malayen sind die Formosaner handelslustig bis zur Leidenschaft; neben der erbittertsten Feindschaft besteht zwischen ihnen und dem chinesischen Landvolk ein reger Handelsverkehr; sie legen mühevolle Tagereisen zurück, um in den nächstliegenden Dörfern in der Ebene die Beute ihrer Jagd gegen Waffen, Pulver, Branntwein, Zeug und allerhand Kleinigkeiten auszutauschen.  Sie dulden sogar ganze Dörfer ihre Todtfeinde in ihrem Gebiete, wie im Süden und an der Ostküste, bloß aus Rücksicht für den Handel.  Jene Straßen müssen nun den Handel um vieles beleben, die Eingeborenen öfter in die Ebene, unter civilisierte Menschen bringen, wo sie, aufgeweckt und von der Natur begabt, wie sie sind, vieles Nützliche sehen und sich aneignen können.  Der öftere friedliche Umgang mit den Chinesen würde ferner ihren Haß gegen diese allmälig schwächen und die traurige Racenfeindschaft aufheben, die für beiden Seiten von so großem Nachtheil ist.  Unternehmungslustige Chinesen würden sich dann mit der Zeit an den Straßen oder unter den Malayen selbst niederlassen, wie es im Süden schon stellenweise geschehen, die Cultur und Industrie müßte ihnen folgen, die Jagd dem Ackerbau Platz machen, bis schließlich die Häuptlinge nichts dagegen hätten, statt Taurang Dorf-Mandarin genannt zu werden. Und daß diese Folgerung nicht ins Bereich der Phantasien gehört, beweisen die Sek-hwan, ein starker Stamm nordöstlich von Tschang-hwa, der unlängst freiwillig unter chinesische Botmäßigkeit trat.  Darauf speculiren denn auch die Mandarinen.

Nebenbei bemerkt, habe ich irgendwo gelesen, daß in Formosa für den Kopf eines Wilden ein Preis von der Regieung ausgesetzt sei.  Ich habe mich vielfach nach der Wahrheit dieser Aussage erkundigt, aber nirgends sie bestätigt gefunden. Neben den soeben auseinandergesetzten humanen und friedfertigen Plänen der Regierung ist eine solche unsinnig grausame Maßregel auch nicht denkbar; vor Zeiten mag sie es wohl gewesen sein, in Zeiten, wo man an eine Unterwerfung der Malayen nicht dachte, sondern in ihnen bloß wilde Horden sah, welche durch Raub und Mord das Land unsicher machten.

Schließlich ein Wort über die Thätigkeit der Missionäre auf Formosa.

Seit 1865 arbeitet die "Presbyterian Medical Missionary Society" unter Chinesen und civilisierten Malayen mit einem unerschütterlichen Eifer, der sie leider oft in Unannehmlichkeiten mit dem Volke selbst wie mit der Obrigkeit bringt.  Sie hat schon gegen zwanzig Stationen in der Mitte und im Süden der Insel gegründet, welche von fünf Mitgliedern der Gesellschaft, die selbst in Tai-wan-fu und Ta-kao leben, beaufsichtigt werden.  An diesen Stationen sind Schulen eingerichtet, wo den Kindern der Gemeinde Unterricht ertheilt wird im Worte Gottes, in der Geographie, Geschichte und Arithmetik und im Lesen und Schreiben (chinesisch) mit lateinischen Buchstaben.  Die Missionäre haben nälich die Idee gefaßt, die äußerst schwierigen chinesischen Schriftzeichen durch das lateinische Alphabet zu ersetzen.  Alle ihre chinesischen Gesangs- und Gebetbücher sind aus diesem Grunde in lateinischer Schrift gedruckt.  Unter den Malayen wenigstens gelingt es ihnen.  Als Lehrer und Prediger sind in den Dörfern Chinesen angestellt, meist junge, gut gebildete Leute.

Im Norden der Insel wirkt eine canadische presbyterianische Missionsgesellschaft.

Die Katholiken haben ihre fünf Stationen ausschließlich im Süden unter den Pepo-hwan, bei welchen die christliche Kirche einen bei weitem leichtern Eingang finden soll, als unter den nüchternen Chinesen.

In die Berge zu den sogenannten Wilden sind die Missionäre noch nicht vorgedrungen; auch dürfte es ihnen schwer fallen, für ihre erhabenen Lehren dort Anhang zu finden, denn die Wilden haben so gut wie gar keine religiösen Begriffe: sie wissen nichts von einem höhern Wesen, einem Schöpfer und Lenker der Menschen, nichts von einem Jenseits; ihre Mißgeschicke und Unglücksfälle schreiben sie bösen Geistern zu, die sich in der Luft, im Walde und im Wasser aufhalten, und denen, um sie zu beschwichtigen, täglich etwas Speise und Trank geopfert werden muß.  Tempel, Götzenbilder, Priester oder Zauberer sind mir nirgends zu Gesicht gekommen.  Als Aerzte könnten sich die Missionäre übrigens durch einige geschickte Curen bei ihnen Eingang verschaffen, denn von der Heilkunst scheinen sie einige begriffe zu haben; doch glaube ich kaum, daß es einem gelingen wird, ohne Samshu (Reisbranntwein) und Betel einen Wilden zum Christenthum zu bekehren.

Was die schon zu Presbyterianern gemachten Chinesen und Malayen anlangt, so will ich nicht erörtern, ob sie Wirkliche oder nur Scheinchristen sind; musterhaft eifrige Beter sind sie jedenfalls.  Nur sollten sie, meine ich, in ihren Andachtstunden das schauerliche, Mark und Bein durchdringende Gekreisch und Gequake lassen, das sie "Singen" nennen; denn man fühlt sich immer tief beleidigt, wenn man eine solche Betgesellschaft einen bekannten Choral herschreien hört und dabei das vollkommen gerechtfertigte spöttische Lächeln auf den Gesichtern der Nichtchristen sieht, denen dieser abscheuliche Singsang gleichfalls nicht zusagt.  Die Missionäre hätten sie doch lieber nicht singen lehren sollen.

Auf Formosa.

Ethnographische Wanderungen von Paul Ibis.

III.

Streifzüge in Süd-Formosa: Aufbruch von Ta-kao. -- Tang-kang. -- Pong-liau. -- Die Küste zwischen Pong-liau und Long-kiau. -- Der Stamm Pilám. -- Bei den Saprêk. -- Der Weg ins Territorium der Saprêk. -- Empfangsceremonien. -- Das Gastmahl beim Taurang. -- Long-kiau. -- Das japanische Lager. -- Ausflug zu den Sabari und an die Ostküste. -- Der Taurang Issek und Tschutok. -- Der Ort, wo die gestrandeten Japanesen von den Wilden ermordet wurden. -- Eine Hirschjagd. -- Tour ins Territorium des Stammes Sutang. -- Das Steinthor.

Nachdem ich in Ta-kao, wo ich landete, einige sichere Erkundigungen über die Insel eingezogen, faßte ich den Plan, zuerst Süd-Formosa zu durchstreifen.  Long-kiau, das damals leicht zu erreichen war, bot einen guten Ausgangs-Punkt dazu.

Dank der bereitwilligen Hülfe eines deutschen Kaufmanns, Herrn Mannich, dessen offenherzige Gastfreundschaft ich während meines Aufenthalts in Ta-kao genoß, waren die nöthigen Vorbereitungen zu meiner Reise bald vollendet.  Herr Mannich, der selbst Touren ins Innere gemacht, nahm den lebhaftesten Antheil an meinem Unternehmen und war mir mit seinen praktischen Rathschlägen von unschätzbarem Werth, besonders in der wichtigsten Frage, der Wahl der Geschenke, welche mir bei den Eingeborenen Eingang verschaffen sollten.  Da ich mein Gepäck möglichst beschränkte, so brauchte ich nur zwei Kuli als Packträger (Pferde oder Esel giebt es hier nicht); beide waren mir von einem Missionär als zuverlässige Burschen empfohlen und bewährten sich in der That als solche.  Zudem sprach einer von ihnen etwas Englisch, so daß er mir unter Chinesen als Dolmetscher dienen konnte, und der andere erwies sich als ein ganz leidlicher Koch.  Freilich mußte es ihnen Geheimniß bleiben, daß ich von Long-kiau aus und auf dem Wege dahin die so gefürchteten Kalé (Wilden) zu besuchen beabsichtigte; sonst wären sie mir schwerlich gefolgt.

Am 23. Januar verließ ich Ta-kao.  Die erste Nacht brachte ich im Missionshause in Tang-kang zu, einer Stadt von 20,000 Einwohnern, von denen sich der dritte Theil ausschließlich mit Fischfang beschäftigt.  Der Fischfang ist an der ganzen Südwestküste überaus ergiebig und versieht nicht nur die Bevölkerung der Insel mit Nahrung, sondern unterhält auch einen ziemlich lebhaften Handel mit Amoy und Swatow.  Hunderte von Dschunken und Katamarans (seetüchtige Flöße aus Bambus, mit Rudern und Grassegeln versehen) bedecken an ruhigen Tagen das Meer, und Tausende von Menschen sieht man am Ufer mit dem Reinigen, Einpacken, Salzen und Trocknen der Fische beschäftigt; den Gestank, den solche Plätze ausathmen, spürt man schon meilenweit.

Etwas ganz Eigenthümliches, was Tang-kang besitzt, ist der Umstand, daß die Häuser hier zum größten Theil aus Bambus geflochten sind, obgleich es hier in den Nächten doch recht kühl ist.  Das kommt aber daher, daß die Stadt jährlich bei der Ueberschwemmung des Flusses der Gefahr ausgesetzt ist, weggespült zu werden; der Chinese, der das weiß, richtet sich denn auch danach ein und baut sich kein Steingebäude, das ihm im nächsten Jahre ebenso leicht zerstört werden kann wie das billigste Bambushäuschen.

In Tang-kang erreichte uns das fatale Gerücht von einem frechen Morde, den die Kalé auf dem Wege nach Long-kiau an einigen chinesischen Soldaten verübt, was sich weiterhin als wahr bestätigte.  Meine Leute, die die Sache sehr ernst aufnahmen, gingen nur ungern weiter, und als ich nach zwei Tagen in Pong-liau, einem Fischerdorf oder, wenn man will, einer Stadt von 5000 Einwohnern ankam, wo mit dem Flachlande die chinesische Macht ihr Ende hat, so schwand ihnen völlig der Muth; ein wenig Strenge, mehr aber ihr festes Vertrauen auf die Vortrefflichkeit meines Doppelläufers und Revolvers, brachte sie indeß auf die Beine.

Hinter Pong-liau verändert sich schnell der Charakter der Gegend: die blühenden Felder und schattigen Gärten verschwinden, und mit dem letzten Laute aus Pong-liau, mit dem letzten armseligen Kartoffelfelde am Wege hören alle Anzeichen menschlichen Lebens und Treibens auf, und eine drückende Ruhe umgiebt den Wanderer; die wildzerissenen, mit verworrenem Gestrüpp bedeckten Bergketten drängen sich immer näher und näher ans Ufer, bis sie sich endlich schroff aus dem Meere erheben; der Weg, ein kaum sichtbarer Fußpfad, schmiegt sich bald ans Wasser, verschwindet in Sand und Geröll, bald läuft er schroff bergauf und bergunter.

Zwischen Pong-liau und Long-kiau liegen nur drei kleine Fischerdörfer; es sind: Lam-sió, etwas südlicher Tsche-tong-ká und in 22° 11' nördl. Br. Hong-kong.  Die wenigen chinesischen Einwohner dieser Dörfer werden von den Eingeborenen geduldet, weil sie ihnen als Lieferanten von Waffen, Munition, Kleidern, Taback, Branntwein und allerhand Schmucksachen unentbehrlich sind.  Neue Anlagen sollen indeß nicht zugelassen werden.  Ein alter ehrwürdiger Chinese im Dorfe Hong-kong, unter dessen Dache ich übernachtete, erzählte mir aus eigener Erfahrung folgendes Beispiel dazu: Noch als junger unternehmungslustiger Mann, und theilweise auch von der Noth getrieben, faßte er den Plan, sich zwischen Hong-kong und Long-kiau anzusiedeln, wo er sich bald und leicht zu bereichern hoffte.  Der benachbarte Stamm der Eingeborenen hatte nichts dagegen.  Er baute sich also ruhig sein Haus, legte Felder und einen Garten an und, als er seine Verhältnisse mit den Kalé sicher genug glaubte, brachte er auch Weib und Kind hinüber.  Eine Zeitlang ging es leidlich; und obgleich ihn die Wilden ziemlich hochmüthig behandelten und oft beim Handel gewaltsam übervortheilten, so war er doch klug genug, allen ernstlichen Zwist mit ihnen zu vermeiden; denn immerhin stand er sich hier in der eigenen Wirtschaft besser, als in der Ebene, wo er nichts besaß.  Aber durch einen unglücklichen Handelspact, bei dem sich die Eingeborenen geprellt sahen oder glaubten, wandelte sich alles: erst wurden ihm Felder und Garten verwüstet, dann das Vieh geraubt, und als er sich noch immer nicht entfernte, das Haus bei Nacht überfallen und zerstört.  Er selbst rettete sich und sein Kind mit genauer Noth, während sein Weib ein Opfer dieser Greuelthat wurde.  Einige Ruinen, die ich hier und da am Wege sah, bestätigten die Wahrheit dieser Erzählung und zeigten zugleich, daß mein Gastwirth nicht allein diesen Versuch gemacht.

In Lam-sió traf ich die ersten Eingeborenen.  Es waren Männer und Frauen aus dem Stamme Pilám, die aus den Bergen herabgestiegen waren, um Schießpulver gegen Felle und Erdnüsse einzutauschen.  Meine Freude bei ihrem Anblick war womöglich noch größer, als der Schreck meiner Begleiter, und sofort machte ich mich mit Taback, Betel und Samshu an sie, was allmälig ihre Schüchternheit beseitigte, so daß sie sich schließlich ruhig zeichnen ließen.  Mit den Körpermessungen wollte es aber durchaus nicht gehen; der Tasterzirkel flößte ihnen solche Furcht ein, daß sie mir eilig davonliefen, sobald ich nur die Hand danach ausstreckte.  Ich mußte ihn einpacken, um sie zu beruhigen und bei mir zu behalten.  In der Folge richtete ich das anders ein: wollte ich nähmlich einen Burschen messen, so stellte ich erst eine Schale Samshu, etwas Schießpulver, oder sonst etwas Verlockendes neben mich und gab ihm zu verstehen, daß er alle Dinge bekommen sollte, wenn er die Procedur ruhig aushielte; zögerte er dann noch immer, böse Zauberei befürchtend (was übrigens selten vorkam, denn Samshu ist eine zu gute Lockspeise), so versuchte ich ihm klar zu machen, daß ich Arzt sei und, um gute Medicin machen zu können, die Leute, denen ich helfen wolle, gut kennen, daher sie messen müsse; das half denn meistens.  Vorsichtig begann ich dann die Procedur mit dem Bande, erst an Händen, Füßen und am Körper, dann am Kopf und zu allerletzt mit dem gefährlichen Zirkel, der trotz Samschu und Pulver doch manche in die Flucht trieb.  Wie die Körpermessungen, mißlang hier auch mein Versuch, mit den Pilám ins Innere zu dringen; ihr Taurang (Häuptling) sei ein gar böser Mann, meinten sie, und ohne dessen Erlaubniß durften sie keinen Fremden mit sich nehmen, welche Geschenke er auch versprechen möge.  Die Erlaubniß abzuwarten hätte aber vier Tage geraubt, weshalb ich es für besser erachtete, meinen Weg nach Süden fortzusetzen.

Am folgenden Tage hatte ich denn auch besseres Glück.  Im Dorfe Hong-kong begegnete ich nämlich Männern aus dem Stamme Saprêk, die, nachdem ich sie fleißig bewirthet, einwilligten, mich in ihr Dorf zu geleiten und ihrem Taurang als Bruder zu empfehlen; nur sollte ich dem Stamme ein Fest geben, wie es einem großen weißen Taurang anstehe, d.h. soviel Samshu und Betel mit mir nehmen, daß sich alle daran etwas zu gute thun könnten.  Das war nicht schwer zu arrangiren, da der ganze Stamm nicht über 150 Köpfe zählt.  Meine neuen Reisegefährten -- etwa ein Dutzend an der Zahl -- beluden sich daher mit so viel Schnaps in Kürbisflaschen, Blasen und mannshohen Bambusröhren, wie sie tragen konnten, und vorwärts ging es.  Von meinen Leuten nahm ich nur den Dolmetscher mit, da einige von den Eingeborenen etwas Chinesisch sprachen.

Es war Mittag, als wir aufbrachen.  Die wenigen Reisfelder, das japanische Lager(7) und die letzte Hütte des Dorfes lagen bald hinter uns, und eine Meile landeinwärts umgab uns vollständige Wildniß.  Die Berge und Ufer des Flusses, längs welcher unser Weg lief, deckte ununterbrochener, dichter Wald; tiefe Stille umgab uns, die nur dann und wann durch den schrillen Schrei eines aufgescheuchten Vogels oder das monotone Gemurmel einer Cascade unterbrochen wurde.  Einer dicht hinter dem Andern, schritten wir schweigend weiter auf dem schmalen Pfade, der sich bald durch das Dickicht wand, bald längs dem Flußufer oder durch Furthen lief.  Nach etwa zwei Stunden machten meine Begleiter auf einer kleinen Wiese Halt.  Einer von ihnen ließ einen lauten, gedehnten Pfiff hören, worauf entfernte Stimmen aus dem Busch antworteten; darauf vernahm man das Krachen dürrer Aeste, das Rascheln der Blätter und nahende Stimmen, bis das Gebüsch sich endlich theilte und einige weibliche Figuren ins Freie traten.  Es waren die Weiber meiner Gefährten, welche hier versteckt die Rückkehr ihrer Gatten  abwarteten, um ihnen ihre Bürde heimtragen zu helfen.  Diese Fürsorge erwies sich durchaus nicht als überflüssig, denn jetzt ging der Weg direct bergan und zwar so steil, daß man sich stellenweise an den Baumzweigen halten mußte, um nicht zurückzurutschen.  Mir und meinen Chinesen verging bald der Athem; meine Gefährten aber und ihre Frauen schritten leicht und rüstig, wie auf ebenem Felde, weiter, und lächelten nur, wenn ich mich erschöpft an einen Baumstamm lehnte, um Athem zu holen.  Nachdem wir so mehr als anderthalb tausend Fuß hinaufgeklommen, überschritten wir endlich den Bergrücken, und vor oder besser unter uns lag ein enges, düsteres Thal, das Jagdgebiet der Saprêk.  Dunkele scharfgezackte Berge schlossen es ein, und, soweit das Auge reichte, nichts als Wald; keine Hütte, keine Rauchsäule deutete auf das Dasein menschlicher Wesen, nur der Fluß, der sich, ein schmales Silberband, durch das Thalbett wand, brachte einige Abwechselung, einiges Leben in dieses ernste, unheimlich-stille Bild.  Unser Weg neigte sich jetzt auf einige hundert Fuß langsam thalwärts und lief dann in horizontaler Richtung weiter, etwa 1000 Fuß über der Thalsohle.  Gegen Abend wurde der Wald lichter; gefällte und angebrannte Baumstämme, noch glimmende Aschenhaufen am Wege und entferntes Hundegekläff deuteten auf die Nähe menschlicher Wesen.  Endlich traten wir aus dem Walde auf eine große Lichtung, die bis ins Thal hinab reichte, und erblickten die wenigen, zerstreut von einander liegenden Hütten des Saprêk-Dorfes vor uns.

Beim Eingange in dasselbe machten meine Begleiter Halt.  Ein Bambusstab wurde etwa 30 Schritt weit von mir aufgestellt, und mir ein Zeichen gegeben, auf dieses Ziel abzufeuern.  Nachdem das geschehen und mein Schuß sich nach gehöriger Untersuchung als ein guter erwiesen, wurde ich mit einiger Feierlichkeit ins Dorf geführt.  Diesen Probeschuß, den ich auch bei einigen anderen Stämmen thun mußte, kann ich mir nur dadurch erklären, daß die Saprêk, als ein Jägerstamm, den Mann eben nach seinen waidmännischen Verdiensten schätzen, also nur einen guten Schützen sich ebenbürtig halten.  Hätte ich gefehlt, so wäre ich wohl schmählich ausgelacht und schwerlich vom Häuptling, dem besten Jäger und Krieger des Stammes, empfangen worden.

Auf dem Hofe der ersten Hütte hieß man mich auf einem Bänkchen Platz nehmen und auf den Taurang warten, der mich hier begrüßen sollte.  Meine zwölf Begleiter und die übrigen Männer des Dorfes, die auf den Schuß herbeigeeilt waren, setzten sich im Halbkreis um mich her.  Die Weiber schafften schnell ein großes Gefäß auf den Hof, und, nachdem sie es mit dem mitgebrachten Branntwein gefüllt, zogen sie sich in die Hütte zurück.

Bald kam auch der Taurang, ein Mann im mittlern Alter, von ziemlich unansehnlichem Aeußern, aber einem ungemein wichtigen, gespreizten Wesen.  Die ganze stumme Gesellschaft wie auch mich nur eines flüchtigen Blickes würdigend, nahm er mir gegenüber auf dem für ihn bereitgestellten Sessel platz.  Ein Knabe, der ihm, ein gelbes an einen Pfeil befestigtes Fähnchen schwingend, vorangeschritten war, trat dann mit einer tiefen Verbeugung vor ihn und legte besagtes Fähnchen nebst einem grellbemalten Wachstuchköcher ihm zu Füßen.  Auf einen flüchtigen Wink des Herrschers verschwand der Knabe in der Hütte.  Niemand rührte sich jetzt, niemand sprach ein Wort; auf allen Gesichtern lag der Ausdruck tiefen Sinnens und feierlichen Ernstes: man erwartete die Begrüßungsceremonie.  Je länger indeß diese Grabesstille dauerte, desto finsterer wurden die Züge des Häuptlings, und ich, den die Scene anfangs herzlich belustigt, begann meine Lage etwas unbehaglich zu finden.  Denn augenscheinlich erwartete man von meiner Seite den ersten Schritt; wie ihn aber thun, ohne gegen die allem Anscheine nach so steife Etikette zu verstoßen?  Ein wohlwollender Bursche half mir endlich aus der Verlegenheit, indem er mir zu verstehen gab, daß es Zeit sei, meine Geschenke dem Taurang darzubringen.  Ich erhob mich daher und trat vor den finstern Herrn, der streng-fragend seinen Blick auf mich richtete.  Ein Stück gelber Seide, eine Kette und einige Reihen Glasperlen, die ich ihm auf die Knie legte, verscheuchten indeß die drohende Wolke von seiner Stirn; Er erhob sich, legte seinen linken Arm auf meine rechte Schulter und bedeutete mich dasselbe zu thun, worauf man mir eine Schale Samshu reichte, die wir, abwechselnd einen Schluck thuend, bis auf den Grund ausleerten.  Jetzt war ich der "Bruder " des Häuptlings, wie mir mein Dolmetscher auseinandersetzte, und die Empfangsceremonie hatte ihr Ende.  Die stumme Gesellschaft hatte sich erhoben und machte sich wacker an das Gefäß mit Samshu, und bald fehlte auch mein würdiger Bruder nicht unter ihnen.  Seine Gespreiztheit schwand allmälig, er wurde geschwätzig, lachte und schrie wie ein gemeiner Saprêk, und als er sich endlich bedenklich wankend entfernte, so machte er, allen Anstand vergessend, einen so abscheulichen Gebrauch von seiner Kehle, daß die Hunde im Dorfe aufheulten.

Mit Einbruch der Nacht wurde ich in das Tapau (Hütte) des Häuptlings geleitet, das in der Mitte des Dorfes liegt und sich vor den anderen Hütten nur durch etwas mehr Geräumigkeit auszeichnet.  Das Würdezeichen des Taurangs, das Fähnchen im Köcher, wurde auf dem Wege dahin hoch in der Luft vor mir hergetragen.  Auf dem Hofe des Tapau hatte sich das Volk schon zum Feste versammelt und plauderte heiter.  Bei meinem Eintritt schwiegen die Gespräche, und Alle Gesichter nahmen plötzlich einen so feierlichen Ausdruck an, daß es mir Mühe kostete, mich des Lachens zu enthalten.  An der Schwelle trat mir der Taurang entgegen, wie es schien in vollem Schmuck: er trug zwei Jacken, eine über der andern; die untere aus rothem Flanell und einfach mit gelber Schnur umsäumt, die obere von blauer Farbe, mit rothen Aufschlägen an den Aermeln und, außer verschiedenfarbigen Schnüren, an der Brust mit einigen Reihen japanischer Silbermünzen (10-cent-Stücken) verziert.  Zwei schwarze Schürzchen, welche, kaum die halbe Lende bedeckend, um die Hüften geschlagen waren, trugen dieselbe Verzierung.  Das Haar war mit blauen Bändern, Perlen und Ketten zusammengefaßt, und am Halse sah man eine wahre Last von verschiedenfarbigen großen und kleinen Glasperlen.  In den Ohrläppchen glitzerten runde mit Spiegelscherben incrustirte Pflöcke, an den Armen Silber- und Messingringe. Im Gegensatz zu dieser Ueberladung mit allem möglichen Tand waren seine Frau und seine Töchter, die mit ihm mich willkommen hießen, sehr einfach gekleidet.  Außer runden Porcellanstücken in den Ohren, einer Perlenreihe am Halse und Armringen trugen sie keinen andern Zierrath.  Das Haar war leicht am Nacken zusammengefaßt und kokett mit einem blau und weiß gestreiften Tuche umbunden, und das Costüm der hiesigen Chinesinnen, das sie mit einigen Abänderungen sich angeeignet, umzeichnete vortheilhaft ihre nicht schlechten Formen.

Nachdem der Taurang mich ehrerbietig in das Haus geleitet und mir eine eigenhändig gestopfte Pfeife gereicht, wandte er sich mit einer langen Rede an die hier versammelten Männer, meist ehrwürdig aussehende Greise, worauf wieder Samshu getrunken werden mußte.  Dann begab sich die ganze Gesellschaft in die zweite Abtheilung der Hütte, einen hohen weiten Raum, der durch das lustig-prasselnde Feuer auf dem Herd hinlänglich erleuchtet war.  Auf dem Fußboden war aus Brettern eine Art Speisetisch hergestellt und mit dampfenden Schüsseln und Schalen beladen. Die Weiber ordneten noch dieses und jenes daran, schoben eine Anzahl niedriger (kaum 3 Zoll hoher) Bänkchen herbei und baten uns dann Platz zu nehmen.  Der Häuptling wies mir an seiner Seite einen Sitz an, worauf sich auch die übrigen Gäste setzten, wie es mir vorkam, streng nach Alter und Würde.  Als Allen Reis, Eßstäbchen und Samshu gereicht war, erhob sich der Wirth und Weintropfen um sich spritzend murmelte er etwas, wie ich später erfuhr, eine Beschwörung böser Geister; dasselbe geschah auch mit Reis.  So lange ich an der Tafel saß, aß keiner der Anwesenden; Aller Aufmerksamkeit war auf die Bewirthung meiner Persönlichkeit gerichtet; erst als ich mich erhob, als man mir Thee und warmes Wasser zum Waschen der Hände und Ausspülen des Mundes gereicht, machten sie sich an Speise und Trank, und zwar mit beneidenswerthem Appetit.  Ihr Tisch ist übrigens nicht ganz schlecht, wenigstens mundete er mir besser als der chinesische.  Einige Gerichte, wie gesäuertes Hirschfleisch z. B., würden selbst einer europäischen Küche Ehre machen.

Nach der Mahlzeit ließ man auch die Jugend eintreten, die bis dahin geduldig auf dem Hofe gewartet.  Das übrig gebliebene Samshu wurde herbeigeschafft und mit ihm kam Leben in die steife Gesellschaft.  Die Unterhaltung wurde lauter und lauter, bis es schließlich keinen strengen Taurang mehr gab, keine würdevollen Greise oder bescheidene Jünglinge, sondern einfach lustige, ausgelassene Burschen. Spät nach Mitternacht ging der Haufe auseinander und ich legte mich, vollkommen zufrieden mit dem Tage, zu Ruhe; weder mein hartes Lager noch das Grunzen der Schweine, die nur durch eine Strohwand von mir getrennt waren, hinderte mich am Einschlafen.

Am andern Morgen besichtigte ich das Dorf und seine Umgebung, zeichnete einiges, sammelte Vocabeln des Saprêk-Dialektes, kurz, ging meinen gewöhnlichen Beschäftigungen nach.  Als ich mich am Nachmittag vom Taurang und seiner Familie verabschiedete, wurde mir eine ausgezeichnete Hirschkeule geschenkt, und da ich ein Gegengeschenk machte, so fügte man noch einen Sack gerösteter Erdnüsse hinzu.  Mein Chinese, auf dessen Buckel das alles kam, bat mich inständigst, dem Kamshu-Geben (Schenken) ein Ende zu machen, da die Wilden ihm für jede Kleinigkeit einen neuen Sack aufbürden würden.

Einige junge Burschen begleiteten mich bis nach Hong-kong und, da es zu spät zur Heimkehr war, so blieben sie die Nacht über meine Gäste.

Das war mein erster Besuch bei den so "schrecklich wilden" Eingeborenen Formosas, die man, weiß Gott weshalb, selbst des Cannibalismus beschuldigt hat; und ich muß gestehen, sie machten auf mich einen bessern Eindruck, als manches andere Volk, das sich einer hohen Civilisation rühmt.  Weder hier bei den Saprêk noch irgendwo anders, wo ich mich blindlings den Eingeborenen anvertraute, wurde von meinem Vertrauen zu ihnen der leiseste Mißbrauch gemacht.  Ueberall trat man mir mit derselben offenen und ehrerbietigen Gastfreundschaft entgegen, und nie hatte ich Grund, mich über Frechheit oder Zudringlichkeit zu beklagen.  Schwer war es nur anfangs ihr Vertrauen zu gewinnen und Zulaß zu ihnen zu erlangen, was übrigens ganz natürlich ist, wenn man ihre Stellung berücksichtigt und die bitteren Erfahrungen, die sie selbst und ihre Vorfahren im Verkehr mit den Chinesen gemacht haben; kein Wunder daher, daß sie jeden Fremden mit Mißtrauen betrachten.

Auf der Weiterreise hatte ich ein unerwartetes Zusammentreffen mit Leuten aus dem Stamme Quajan (oder Quai-hwan?), schmierigen, Verdacht erregenden Gesellen, die nach der Logik meiner Chinesen auf uns zu feuern beabsichtigten.  Aus diesem Grunde warfen sie das Gepäck von sich, in der ernsten Absicht davonzulaufen; mein Revolver, vor dem sie fürchterlichen Respect hatten, hielt sie indeß davon zurück.  Das Abenteuer endete damit, daß ich an der Lunte des nächsten Wilden meine Cigarre anzündete, jedem von ihnen eine Cigarette in den Mund steckte und schließlich den einen abzeichnete.

Am 28. Januar traf ich in Long-kiau ein.  Hier ist wieder gegen 20 Quadratmeilen fruchtbares Flachland (der westliche Theil der Südspitze), daß ausschließlich von Chinesen bewohnt und cultivirt wird.  Ihre Gesamtzahl schätzt man nach officiellen Angaben auf 10,000 Seelen.  Unter den Dörfern ist Long-kiau in der Nähe des Meeres das bedeutendste und treibt einigen Handel mit Ta-kao und Tai-wan-fu.  In der Nähe dieses Dorfes haben die Chinesen drei Forts, deren Bau damals beendet wurde; zu einem vierten, in den Bergen, wurde der Grund gelegt, ob sie es vollendet haben und noch behaupten, kann ich nicht sagen.  Der Ort sollte eine Besatzung von 4000 Mann bekommen; 2000 waren schon da.  Das japanische Lager, das der chinesischen Regierung für theures Geld übergeben wurde, existirt nicht mehr; es wurde am Tage nach Abzug der Japanesen bis auf den Grund niedergebrannt, weil, wie mir ein Mandarin erklärte, die Gebäude zu schlecht und unbequem für chinesische Soldaten wären.  Nun, meiner Meinung nach sind die chinesischen dicht aneinander gedrängten und von einer Mauer umgebenen Lehmhütten entschieden schlechter, als die luftigen und geräumigen Strohgebäude der Japanesen, wie ich sie im japanischen Lager bei Hong-kong sah.  Ein chinesisches Lager oder Fort, wenn man so die von einer dicken Lehmmauer umschlossenen Baracken nennen will, ist gerade der Ort dazu, wo sich Fieber, Pocken und andere epidemische Krankheiten entwickeln müssen, besonders bei der faulen Lebensweise der Soldaten, die den lieben langen Tag in den beklemmenden Baracken bei der Opiumpfeife liegen oder Karten spielen.

Die meisten Einwohner von Long-kiau hatten nie zuvor einen Europäer gesehen; daher wurde ich allgemein als Japanese mit Freuden empfangen; denn diese haben durch das viele Kleingeld, das gegenwärtig in ganz Süd-Formosa in Umlauf ist, einen günstigen Eindruck bei dem Landvolke hinterlassen.

Es fiel mir in Long-kiau nicht leicht, der ängstlichen Wachsamkeit der Mandarinen zu entschlüpfen und einen Ausflug an das Ostufer zu machen.  Denn diese Herren sind innerhalb ihres Wirkungskreises mit Hab und Gut für jeden Fremden verantwortlich, und was diese Verantwortlichkeit kosten kann, haben ihnen die Engländer verständlich genug gemacht.

Mit allen Mitteln, welche die Höflichkeit zuließ, wie z. B. Einladungen zum Diner und Ankündigungen von Visiten auf einige Tage voraus, suchten sie mich daher von weiteren Austlügen abzuhalten; aber, wie gesagt, ich entschlüpfte ihnen den nächsten Morgen schon und zwar ohne jegliche Begleitung, ohne selbst meinen Leuten ein Wort davon zu sagen.  Die Wege, welche die japanische Artillerie gebahnt, mußten mich schon irgendwo hinführen.  Ich schlug also denjenigen ein, der mich am schnellsten in die Berge brachte, wo ich denn bald das Glück hatte, auf einige Jäger aus dem Stamm Sabari zu stoßen, die mich erstaunt als Dsipún (Japanese) begrüßten und gern in ihr Dorf mitnahmen. -- Die Sabari gehören nähmlich zu denjenigen Stämmen, die sich ohne Widerstand den Japanesen unterwarfen und während der Dauer der Expedition mit ihnen in freundschaftlichem Verhältniß blieben. -- Im Dorfe, das ich gegen Mittag erreichte, wunderten sich die Leute nicht wenig, als sie erfuhren, daß ich weder Japanese noch schiffbrüchig war, sondern direct und ganz allein aus dem Westen kam.  Wer ich denn eigentlich sei, konnte ich ihnen noch weniger erklären als den Chinesen, denen ich fast überall als Missionär, Doctor oder englischer Consul galt.

Das Glück war mir auf dieser Tour besonders günstig: Issek, des Sabari-Taurang, gab am nächsten Tage eine große Hirschjagd, zu der viele Häuptlinge und Jäger der Nachbarstämme eingeladen waren.  Da ich sie alle hier sah, so blieb mir die Mühe erspart, sie in ihren eigenen Dörfern aufzusuchen, wodurch einige Tage gewonnen wurden. -- Noch an demselben Nachmittag machte ich dem Taurang meinen Besuch, dessen Tapau eine halbe Stunde vom Dorfe entfernt in einem reizenden Thale gelegen ist. Ich traf ihn eifrig mit dem Putzen seiner Waffen beschäftigt, während seine Frau und das übrige weibliche Personal des Hauses mit allerhand Vorbereitungen zum bevorstehenden Feste alle Hände voll zu thun hatten.  Issek empfing mich ohne jegliche Ceremonie und ohne Geschenke zu fordern, bewirthete mich mit Thee und einem ziemlich schmackhaften Gebräu aus Hirse, fragte mich dann nach dem Zweck meiner Reise und bat mich schließlich morgen an der Jagd Theil zu nehmen; mit einem Worte: er hatte nichts in seinem Benehmen oder Aeußern, was Jemanden berechtigen könnte, ihn kurzweg einen "Wilden" zu nennen.  Ueberhaupt bemerke ich, daß man mit diesem Wort ziemlich unbedachtsam umzugehen pflegt; denn ein Volk, welches feste Wohnsitze hat, Ackerbau treibt, dessen Lebensbedürfnisse bei Weitem das übersteigen, was die Natur ihm bietet, also Handelsverbindungen unentbehrlich machen und selbst einen gewissen Luxus beanspruchen, ein solches Volk kann ich nicht mehr "wild" heißen, wenn es auch nicht lesen, schreiben und über Zehn hinaus zählen kann und keine Begriffe hat von einer Staatsverfassung im Großen. Auf Formosa läßt sich daher dieses Wort auf die wenigsten Stämme anwenden. -- Doch zurück zu Issek.  Dieser gemüthliche Herr läßt sich am besten mit einem wohlhabenden Landwirthe vergleichen, der, Comfort und Geselligkeit liebend, ganz nach seinen Mitteln lebt und zu leben weiß, dabei aber die Wirthschaft nicht aus dem Auge läßt.  Seine Felder und Gärten sind gut bestellt, seine Büffel wohlgefüttert und sein Tapau, ein weitläufiges solides Gebäude, ist im Innern recht behaglich eingerichtet.  Das Zimmer, in welchem ich empfangen wurde, war mit Stühlen, Tischen und Koffern von guter chinesischer Arbeit meublirt und an den Wänden hing an Hirschgeweihen ein ganzes Arsenal von Büchsen, Messern, Speeren und andrem Jagdgeräth, eine Sammlung, auf die der Hausherr nicht wenig stolz war.  Das Haus und Küchengeräth war meist chinesisch und nicht von der schlechtesten Sorte.  Man sieht also, daß der Sabari-Häuptling bequem zu leben versteht, was denn auch sein zufriedenes wohlgenährtes Aeußere und sein leutseliges Wesen bestätigen.  In seiner Kleidung ist er einfach und trägt sein Haar im Zopf -- der erste Schritt zur chinesischen Civilisation.

Von ihm begab ich mich ins Dorf Tuasók, vier Meilen nordöstlich von Sabari.  Hier lebt der Taurang Tohutok, wie mir gesagt wurde das Haupt einer Conföderation von 18 Stämmen (diese Conföderation scheint mir indeß eine sehr lockere, wenn nicht gar nominelle, zu sein).  Tohutok fand ich vollkommen berauscht und mit seiner Ehehälfte heftig zankend, weshalb mein Besuch von nur kurzer Dauer war.

Die Nacht schlief ich im Dorfe Sabari im Hause eines alten, bei den Eingeborenen hoch angesehenen Chinesen; denn die Sabari, wie auch die Tuasók und einige andere Stämme, dulden unter sich Chinesen, scheinen sich aber nicht mit ihnen zu vermischen.

Da die Jagd bei Issek erst gegen Mittag beginnen und den ganzen Nachmittag dauern sollte, so benutzte ich den Morgen, um meinen Plan, bis an die Ostküste vorzudringen, auszuführen.  In aller Frühe brach ich des andern Morgens auf und zwar wieder ohne Führer, obgleich mich die Leute kopfschüttelnd vor dem Stamme Kuarút warnten, dessen Territorium ich zu durchschreiten hatte.  Das trockene Flußbett, in welchem ich vordrang, brachte mich nach einer Stunde in ein Dorf, wie es sich erwies, Bakurut, wo das Volk bei meinem plötzlichen Erscheinen einen fürchterlichen Spektakel erhob: Weiber und Kinder liefen heulend davon, die Männer stürzten bewaffnet aus den Hütten und bald sah ich mich von einem Haufen schmutziger und verdächtig aussehender Gesellen umringt, die durch allerlei Pantomimen zu wissen begehrten, wo mein Schiff gestrandet.  Es blieb mir nichts anderes übrig, als nach Osten zu weisen, wodurch ich mir mehr Führer erwarb als mir lieb war.  Zu einiger Beruhigung sah ich unter ihnen einen jungen Chinesen, mit dem ich mich im Nothfalle schon etwas verständigen konnte. Man drängte mich fast gewaltsam zum Aufbruch. -- Die Reis -- und Kartoffelfelder, welche sich bisher an beiden Seiten des Flusses hinzogen, verschwanden und machten dem Walde Platz, der, immer dichter und höher werdend, endlich in vollkommen undurchdringlichen Urwald überging.  Bald durch den Fluß watend, bald über Steine, Geröll und riesige Baumstämme kletternd, folgten wir anfangs dem Flußbett; dann schlugen meine Führer einen schmalen Pfad in den Wald ein. Jeden dünnen Ast vermeidend, auf jeden Lauf aufhorchend, schlichen wir jetzt weiter, denn wir passierten das Gebiet der Kuarút, mit denen die Bakurut in Feindschaft leben.  Das dumpfe Getöse der Brandung wurde immer deutlicher, bis uns endlich durch die Bäume die Seefläche entgegenschimmerte.  Nachdem die Eingeborenen die Umgebung sorgfältig reckognoscirt und nichts Verdächtiges gefunden, verließen wir den Wald und betraten das Ufer, welches hier an der Flußmündung eine kleine sandige Bucht bildet.  Einige Strohhütten im Schatten der Bäume, aus denen dünne Rauchsäulen emporwirbelten, fesselten meine Aufmerksamkeit.  Der junge Chinese, der die ganze Zeit mir zur Seite schritt, beeilte sich zu erklären, daß von hier aus die Kuarút die See und Schiffe beim Sturme beobachteten und daß dies der Ort sei, wo sie die Liu-kiu-Insulaner von dem japanischen Schiffe ermordet (was bekanntlich dei Expedition zur Folge hatte oder richtiger ihr als Vorwand diente; denn die ganze Formosa-Affaire, über die in Japan so fürchterlich viel geschrien und Wesen gemacht wurde, hatte im Grunde keinen andern Zweck als durch ein Aufsehen erregendes Unternehmen der Regierung das unheildrohende Gähren im Volke zu unterbrechen und somit einer Revolution vorzubeugen, was denn auch gelang).  Das japanische Schiff was etwas südlicher gestrandet; Mangel an Wasser hatte wohl die Schiffbrüchigen hergeleitet.  Planken von diesem und anderen unglücklichen Schiffen kann man weit im Innern als Stege und Brücken über Bäche und Gräben sehen. -- Aufgebracht waren meine Begleiter anfangs genug, als sie einsahen, daß sie ihren mühevollen Spaziergang ganz vergebens gemacht, daß ich weder Schiffbruch erlitten noch ein Fahrzeug hier stehen hatte, sondern einfach das japanische Wrack, das gar nicht mehr existierte, sehen wollte.  Zu ernstlichen Zornausbrüchen, wie ich befürchtete, kam es indessen nicht; der Chinese legte, sich mit Erfolg ins Mittel, und als ich jedem obendrein etwas Tamako (Taback) gegeben, war der Friede bald hergestellt.  Mit doppelter Vorsicht mußten wir auf der Rückkehr zu Werke gehen; denn die glimmenden Feuer in den Hütten ließen auf die Nähe der gefürchteten Kuarút schließen.

Die Jagd bei Issek, die nebenbei gesagt recht heiter war und günstig ausfiel, verdient keiner nähern Beschreibung; es war eine gewöhnliche Treibjagd, wie sie überall in Europa in wildreichen Gegenden abgehalten werden; nur muß man sich statt uniformirter Jäger, eleganter Herren und graciös zu Pferde sitzender Damen schmierige, halbnackte Burschen vorstellen, und statt des pikanten Gabelfrühstücks hinterdrein ein etwas unheimliches Gelage im Hause des Taurang.

In der folgenden Nacht kehrte ich nach Long-kiau zurück, wo man sich über mein unbegreifliches Verschwinden schon ernstlich zu ängstigen begann.  Meine Leute, die mich fast aufgegeben, waren höchlichst erfreut mich gesund und munter wiederzusehen und erzählten darauf Allen und Jedem auf meine Rechnung die wunderlichsten Abenteuer, wie ich es aus den verblüfften und erstaunten Gesichtern ihrer Zuhörer schloß.

Eine andere Tour, die ich darauf nach Norden ins Land der Butáng, des stärksten und gefürchtetsten von allen Stämmen Süd-Formosas, unternahm, mißglückte gänzlich; denn schon in der ersten Nacht, die ich im Walde unter freiem Himmel zubrachte, ergriff mich ein heftiges Fieber, wohl infolge meiner nassen Kleider, da ich am Tage mehrmals einen Fluß zu durchwaten hatte.  Ziemlich hülflos wurde ich am andern Morgen von einigen Leuten aus dem Stamm Kuskút am Wege gefunden und von diesen nach einer langen und ernsten Berathung bis zum sogenannten Steinthor zurückgebracht, von wo ich mich denn selbst bis zur nächsten chinesischen Colonie schleppte.

Das genannte Steinthor, das seine Benennung von den Japanese hat, wird durch zwei mächtige, fast senkrechte Schieferwände gebildet, zwischen die der Fluß eingezwängt ist.  Es ist, wie es scheint, der einzige Eingang in das Land der Butáng und Kuskút.  Die Japanesen hatten hier ein hitziges Treffen mit den Eingeborenen, die sich, durch Felsen und Wald gedeckt, verzweifelt vertheidigten, jedoch den Feind im Vordringen nicht aufhalten konnten.  Nördlich von diesem Thor ist das Land vollkommen wild und rauh, womöglich noch wilder als das Gebiet der Saprêk; südlich sind die Berge niedriger und sanfter, die Thäler breiter und hier und da bebaut.  Die erste chinesische Colonie -- wie die ganz neuen Gebäude bezeugen, erst unlängst gegründet -- befindet sich eine Stunde Weges südlich von Steinthor.

Nach Anwendung einiger geeigneten Mittel verließ mich das Fieber schnell, und bald war ich stark genug um Long-kiau zu verlassen -- zur vollen Zufriedenheit der Mandarinen.

Auf Formosa.

Ethnographische Wanderungen von Paul Ibis.

IV.

Die Eingeborenen von Süd-Formosa: A. Die Stämme Sabari, Whang-tschút, Tuasók, Bakurút, Liongrúan, Kantáng und Quajan: Aeußeres, Kleidung, Zierrath, Wohnung, Geräthe und Waffen, Nahrung und Getränke, Beschäftigung und Handel.  Geistige Entwicklung, Leben, Sitten, und Gebräuche. B. Die Saprêk und Pilám.

In Süd-Formosa kam ich im Ganzen mit Eingeborenen aus neun Stämmen in Berührung; es waren die Sabari (etwa 200 Mann stark) in 24° 4' nördl. Br. und 120° 48' östl. L.; einige Meilen nördlich von diesen die Whang-tschut und in ihrer Nähe die Kantang; nordöstlich von den Sabari die Tuasók (gegen 100 Mann); im Osten die Bakurút (gegen 150 Mann); im Süden die Liongrúan; dann zwischen Hong-kong und Long-kiau die Saprêk (etwa 150 Mann) und endlich die nördlichsten von allen, die Pilám, ein großer Stamm, dessen Territorium bis an die Ostküste reicht.

Außer diesen genannten giebt es noch eine große Anzahl anderer Stämme, deren Namen und Lage mir nur theilweise bekannt geworden.  Die Gesammtzahl der Eingeborenen von Süd-Formosa taxire ich auf nicht mehr als 3000 Mann.

Schon hier, auf einem verhältnismäßig kleinem Raume, kann man die Beobachtung machen, daß nicht allein Äußere Verhältnisse, wie Zufälligkeiten des Bodens, Art der Beschäftigung und andere, die einzelnen Stämme von einander scheiden, sondern daß es auch manche charakteristische Eigenheiten in ihrem Typus giebt, welche nicht anders als durch ihre verschiedene Abkunft oder Kreuzungen mit anderen Völkern erklärt werden können.  Zwar lassen sich die Bewohner der Südspitze, die sieben erstgenannten Stämme, als ein einziger betrachten - vielleicht waren sie es auch anfangs, oder es hat der gegenseitige Verkehr ihre charakteristischen Züge ausgeglichen -, einen Pilám aber und einen Saprêk kann selbst der flüchtigste Beobachter nicht mit ihnen verwechseln, so schroff ist der Unterschied in ihrem Aeußern.  Die ersten sind nämlich im Durchschnitt häßliche, schmächtige Figuren, von schmutzig-gelblicher Hautfarbe, während die letzteren, besonders die Pilám, gut und stark gebaut und von einer schönen Bronzefarbe sind.  In ihrer Sprache waltet ein ähnlicher Unterschied, doch lassen sich beide, wie alle mir bekannt gewordenen Mundarten Formosas, auf eine Wurzel, das Tagalische, zurückführen.

Betrachten wir zuerst die Bewohner der Südspitze.

Es sind, wie gesagt, kleine häßliche, schlecht proportionirte Figuren, entweder schmächtig oder gedrungen.  Waden, Lenden und Arme sind dürr und die Muskeln schwach.  Die Schultern stehen gerade, der Hals ist meist kurz, die Brust flach.  Der Kopf ist klein, bald schmal, bald kurz, das Gesicht breit, mit hervorstehenden Backenknochen und Unterkiefer.  Die Nase ist breit, abgeplattet, der Mund groß, mit dicken, fleischigen Lippen.  Die Augen sind schmal, dunkelbraun und oft ein wenig schief gestellt.  Die Ohren nicht groß, doch werden die Ohrläppchen durch eingesteckte Pflöcke sehr erweitert.  Das Haart ist schwarz, schlicht, nicht besonders dicht; der Bartwuchs wie auch die Behaarung der übrigen Körpertheile äußerst schwach.  Die Hautfarbe ist dunkel, aber kein Braun, vielmehr ein schmutziges Gelb, bei Greisen gar mit einem Stich ins Grünliche. Der Gesichtsausdruck ist meist finster, wenig vertrauen erweckend, der Blick schwermüthig.  Der Mund ist immer streng geschlossen und öffnet sich selten, selbst beim Lachen.  Die Haltung des Körpers ist würdevoll, der Gang gemessen, fest, und jede Bewegung wie jede Miene ruhig und besonnen.  Ihre gewöhnlichste Stellung ist sitzend auf der Erde oder auf einem niedrigen Bänkchen, die Arme um die Knie geschlungen.

Ihre Frauen sind nicht schöner, ebenfalls klein und schwach gebaut.  Die Büste ist schlecht entwickelt, die Brüste klein und conisch zulaufend;  das Haar ist nicht reich.  Sie sehen meistens gedrückt und abgestumpft aus und weder ihre Kleidung noch ihr Benehmen zeugen von Koketterie oder einem natürlichen Schönheitssinn, der bei Frauen anderer Stämme doch recht entwickelt ist.  Bei den Whang-tschút und Bakurut sah ich übrigens einige bessere weibliche Figuren, als die eben beschriebenen.

Die Kleidung dieser Stämme ist die chinesische, nur durch einige Veränderungen und Verzierungen ihren Gestalten besser eingepaßt.  Die Männer tragen eine kurze schwarze oder dunkelblaue Jacke, die gewöhnlich mit rother oder weißer Schnur umsäumt ist, und kurze Hosen von derselben Farbe, welche nur bis zur halben Lende reichen und mit einem farbigen Gürtel um den Leib zusammengehalten werden.  Das Haar wird auf dem Vorderhaupte kurz geschoren, das übrige entweder zu einem Knoten geschlungen oder in einen winzigen Zopf geflochten, den sie meist um den Kopf gewickelt tragen.  Bei manchen sah ich um die Fußknöchel Streifen aus Schweineborsten, wie es die Negritos auf Luzon tragen.  (s. "Globus" XXIII, S. 247, die Abbildung eines solchen Negrito von Mariveles mit einem Knieband von Wildschweinsborsten), und Schuhe aus Hirschfell.  Die Kopfbedeckung besteht aus einer schmalen blauen Binde, oder einem Tuch.  Das Costüm der Frauen besteht aus blauen oder weißen Beinkleidern und einer Blouse darüber; nur ist beides weit kürzer, als bei den Chinesinnen.  Das Haar wird nicht geflochten, sondern mit einem rothen Bande, einer Kette oder Perlenschnur umwunden und als Zopf um den Kopf gewickelt.  Ueber das Haar wird ein Tuch geschlagen.

In Gegensatz zu anderen Eingeborenen behängen sich diese nur spärlich mit allem möglichen Tand, wahrscheinlich wohl, weil sie, den anderen Stämmen an Entwicklung überlegen, keinen Werth mehr auf solche Dinge legen.  Der häßliche Gebrauch, die Ohrläppchen zu durchstechen und durch runde Pflöcke aus Holz oder Porcellan zu erweitern, ist aber noch allgemein.  Diese Pflöcke von chinesischer Arbeit haben einen Zoll und mehr im Durchmesser und sind grob emaillirt oder incrustirt.  Verstümmelungen an Zähnen, oder sonst welcher Art, habe ich nicht gesehen; auch tättowiren sie sich nicht.

Ihre Wohnungen sind im Ganzen besser gebaut, als die rauchigen Hütten der Saprêk, und mit mehr Comfort eingerichtet.  Die Dörfer Sabari und Tuasók unterscheiden sich nicht viel von den hiesigen chinesischen.  Sie liegen recht hübsch im Thale am Wasser, umgeben von hohen Bambusgehegen, Gärten und Feldern.  Sie bestehen aus einzelnen großen Gehöften, deren jedes von einer besonderen Familie mit allen ihren Angehörigen bewohnt wird.  Die Häuser sind aus rohem Backstein aufgeführt und bilden gewöhnlich eine lange Reihe viereckiger Kammern ohne innern Zusammenhang, aber durch einen Gang verbunden, den eine leichte, längs der ganzen Hausfronte laufende Bambuswand herstellt.  Jede Thüröffnung hat eine entsprechende in der Bambuswand; Fenster giebt es nicht.  In der Mitte des Hauses befindet sich das Zimmer des Familienhauptes, ein geräumiges Gemach, das auch als gemeinsames Speisezimmer dient.  Zu beiden Seiten sind Schlafkammern der verschiedenen Familienglieder, Küche, Vorrathskammer u.s.w.  Die Diele ist aus Lehm oder Stein.  Die Seitenwände der Zimmer sind mit Waffen und Hirschgeweihen decorirt, die Hinterwand ist aber bis nach oben mit Hirsegarben, deren Aehren sorgfältig geordnet sind, ausgefüllt, zu welchem Zwecke, habe ich nicht ermitteln können, vielleicht einfach, um die Hirse immer recht trocken zu halten.  Einige niedrige Bänke und Sessel, welche zugleich als Nackenkissen dienen, auch bei Wohlhabenderen chinesische Stühle, Betten und Koffer machen das Mobiliar aus.  Der Hof vor dem Hause, ein viereckiger, etwas erhöhter Platz, ist sorgfältig geebnet und wird sauber gehalten, da hier das Korn gedroschen und getrocknet und manche andere Arbeit verrichtet wird.  Vor dem Hause sind Gehege für Büffel, die sie als Landbauer reichlich halten.  Das Dorf Bakurút hat ein eigenthümlicheres Aussehen.  Es besteht aus niedrigen viereckigen Hütten mit sehr steilen Dächern (aus Reisstroh und Bambusstäben).  Die Wände, nur 3 bis 4 Fuß hoch, sind aus Bambus geflochten und mit Lehm beworfen.  Das spärlich erleuchtete Innere bildet ein einziges Zimmer, welches ziemlich ärmlich eingerichtet ist; man sieht, daß sie mit den Chinesen nicht viel verkehren.  Jede Hütte steht gesondert in der Mitte eines freien Platzes.  Zwischen ihnen sind Gehege für das Vieh, und kleine Gemüsegärten.  Das Hausgeräth, wie Kessel, Töpfe, Schalen, Tassen, ebenso Werkzeuge für Ackerbau, sind chinesischer Arbeit.  Nur Bänke, Matten und zahlreiches Geschirr aus Kürbis sind von den Eingeborenen selbst angefertigt.

Hausthiere sind, wie gesagt, der Büffel, das Schwein, der Hund und die Katze.  Auch Enten, Gänse und Hühner werden gehalten.

Ihre Waffen haben sie, wie alle Stämme, gleichfalls von den Chinesen; es sind: 1. ein unbequemes Luntengewehr von 4 Fuß Länge mit einem sehr kurzen Kolben; 2. Speere, d. h. ein 6 Zoll langes Messer an einen 8 bis 10 Fuß langen Schaft befestigt; 3. ein gerades Messer (etwa 2 Fuß lang und 1½ Zoll breit) in einer Scheide aus Holz, welche nur die eine Seite des Messers einschließt, an der andern aber mit Draht oder Schnur überspannt ist; 4. ein Bogen von 3 bis 4 Fuß Länge, dazu Pfeile aus Bambus mit Eisenspitzen (mit und ohne Widerhaken).  Die Patronen, grobes in Bambusstäbchen geschüttetes Pulver und Bleiklumpen, werden in einem feinen Netz auf dem Rücken getragen.  Ein zierliches Hörnchen mit feinem Pulver für die Pfanne hängt an einer Kette am Halse.  Die Lunte ist um den Oberkörper gewickelt, das Messer steckt immer unter dem Gürtel und der Speer oder die Büchse kommt selten aus der Hand, so das ein Trupp Eingeborener ein ganz malerisches Bild abgiebt.  Ihre Gänge in die chinesischen Niederlassungen oder auch nur in ein Nachbardorf geschehen immer in voller Rüstung.

Gegessen wird dreimal täglich: Morgens um 7 Uhr, Mittags und Abends gegen Sonnenuntergang.  Die Grundlage zu jeder Mahlzeit bildet, wie bei den Chinesen, gekochter Reis; dazu reicht man süße Kartoffeln (gekocht oder gebacken), geröstete Erdnüsse, Erbsen, Kohl und anderes Gemüse, ferner Schweinefleisch (gesotten und gebraten, eine sehr beliebte Speise), Wildpret, Eingeweide von Thieren, Geflügel und Fisch (ebenfalls in verschiedenartiger Zubereitung und alles in Bissen zerlegt).  Hirse wird hier weniger gegessen, als bei anderen Stämmen, welche selbst keinen Reis bauen.  Salz fehlt in den Speisen und scheint als Leckerbissen betrachtet zu werden; denn ich sah sie es ohne Weiteres wie Zucker verzehren.

Getränke sind chinesischer Reiswein (Samschu oder Tsiu); Wawa oder Bawa, ein einheimisches, schwach berauschendes Getränk, aus Hirse gegohren; Thee und als Ersatz desselben der heiße Abguß von gekochtem Reis oder Kartoffel.  Der Speisetisch selbst wird auf der Diele aus Brettern zusammengesetzt, und die Tafelsitte ist dieselbe, wie ich sie bei Gelegenheit meines Besuches bei den Saprêk beschrieben habe.  Den Speisen und Getränken wird reichlich zugesprochen und die sonst so zugeknöpften, wortkargen Leute werden beim Mahle recht heiter und redselig.  Lautes Rülpsen scheint wie im Orient als Compliment aufgenommen zu werden.  Nach dem Essen wird Thee gereicht und warmes Wasser zum Ausspülen des Mundes und zum Waschen der Hände, und endlich eine Pfeife Taback, worauf sich es jeder auf Matten und Bänken so bequem macht, als möglich.  Die Frauen essen nicht mit den Männern, sondern bedienen an der Tafel. Ueberhaupt begnügen sie sich mit Wenigem; ich habe nie ein Weib Samschu oder Wawa trinken oder Schweinefleisch essen sehen, und fast will es mir scheinen, als laste auf ihnen eine Art Tabu; allein bestimmt behaupten kann ich es nicht.

Als Narcoticum ist der Betel sehr im Gebrauch; Männer, Weiber, selbst Kinder kauen ihn.  Auch rauchen beide Geschlechter stark Taback; die Pfeifen erhalten sie von den Chinesen.

Neben dem Ackerbau, der, Dank der Bodenbeschaffenheit in diesem Theil der Insel, die Hauptbeschäftigung der Eingeborenen ist, behauptet die Jagd den nächsten Rang.  Die Wälder sind reich an Hirschen, Ziegen und anderm Wild, dessen Fleisch, Häute und Hörner sowohl im eigenen häuslichen Gebrauch wie im Handel verwerthet werden.  Alle Männer sind Schützen und handhaben ebenso gut Pfeil und Bogen, wie die Büchse, denn da Pulver und Blei theuer bezahlt werden muß, so geben sie womöglich immer dem Bogen den Vorzug.

Cultivirt wird: Reis, Hirse, Weizen, Yams, Bataten, Erdnüsse, Gemüse, die Banane, Arecapalme und der Betelpfeffer.

Der Tauschhandel zwischen den Eingeborenen und Chinesen (Geld hat keinen Werth) scheint recht lebhaft zu sein, und wie vortheilhaft er den letzeren ist, zeigt allein der Umstand, daß sie, trotz ihrer lächerlichen Furcht vor den Kalé, sich nicht gescheut haben in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, selbst unter ihnen, sich niederzulassen.  Der Handel wird meistens in den chinesischen Dörfern abgehalten.  Je nach Bedürfnis kommen die Eingeborenen schaarenweise nach Long-kiau.  Dort haben sie ihre bestimmten Kunden, die ihnen neben guter Bewirthung für das mitgebrachte Holz, Felle und dergleichen das Gewünschte geben, wovon immer ein guter Theil Samschu und Taback ist.  Gefeilscht wird viel dabei, und jeder Gegenstand einer umständlichen Probe und Kritik unterworfen.  Zur Zeit meiner Reise machte die Regierung sich solche Handelsbesuche zu Nutze, indem sie für die Eingeborenen in Long-kiau offenes Haus hielt, wo sie sich satt essen und ausruhen konnten und für das mitgebrachte Holz immer gut bezahlt wurden.  Die freundliche Behandlung der Mandarinen wie die gebotenen Vortheile sollten den Eingeborenen Vertrauen zur Regierung einflößen und die angebahnten friedlichen Verhältnisse sichern.  Doch werden die Unruhen des vorigen Sommers dem ein Ende gemacht haben.

Ein getreues Bild vom Charakter dieser Stämme zu entwerfen, übernehme ich, nach einem nur wenige Tage langen Aufenthalte unter ihnen, nicht.  Ich kann nur von dem Eindruck reden, den sie auf mich machten; und der war, wie ich gelegentlich schon früher bemerkt, so schlecht nicht.  Die Schreckensgeschichten, die man mir von ihnen erzählt, fand ich stark übertrieben.  Es waren, im Grunde genommen, gute, gastfreundliche und ehrliche Leute, wenn auch etwas mißtrauisch, verschlossen und leicht erregbar, aber ebenso leicht zu besänftigen und zu gewinnen. Der Strandraub, den sie trieben und der sich von selbst in Folge der häufigen Schiffbrüche entwickeln mußte, giebt noch keinen Grund ab, als ein verdorbenes, entartetes Volk zu betrachten.  Vernünftige Leitung und Behandlung, bin ich jetzt überzeugt, würde sie bald zu friedlichen und fleißigen Landbauern umgestalten, denn an Anlagen und an gutem Willen, etwas zu lernen, fehlt es ihnen durchaus nicht. Für das Fremde, Unverständliche bezeigen sie großes Interesse und freuen sich kindisch, wenn man es ihnen erklärt, was durchaus nicht schwer ist.  Ferner können sich viele von ihnen geläufig im Chinesischen verständigen und finden sich selbst in der chinesischen Schrift zurecht, wozu doch recht viel Geduld und Gedächtniß gehört.  Eigene Schrift- oder Zahlzeichen haben sie nicht, und ihre Zahlenscala geht nicht über Zehn.  Musikinstrumente oder ein geregelter Gesang fehlen gleichfalls.  Auch ihre Schnitzereien und Matten sind grob, erstere augenscheinlich Nachahmung der chinesischen.  Ueberhaupt haben sie selbständig es nicht weit gebracht.

Nach dem Gesagten ist ihr Lebenslauf höchst einfach und in wenigen Worten erzählt.  Schon von der frühesten Jugend auf werden die Kinder zur Arbeit angehalten: die Knaben helfen dem Vater nach Kräften bei Feldarbeiten, begleiten ihn auf die Jagd und in die chinesischen Dörfer, wo ihnen Gelegenheit genug geboten ist, sich durch Geschicklichkeit, Schlauheit und Kühnheit auszuzeichnen und auszubilden.  Denn gerade diese Eigenschaften sind es, die ihn als Mann ernähren und ihm seine Stellung im Stamme anweisen sollen. Die Mädchen wachsen unter den Augen der Mutter heran, ihr in allen möglichen häuslichen und weiblichen Arbeiten Hülfe leistend.  Hat der junge Mann die Geschlechtsreife erreicht, so wählt ihm der Vater eine Gattin und macht mit ihren Eltern alle Heirathsangelegenheiten ab.  Gewöhnlich wird die Braut mit Kleiderstoffen und Schmucksachen erkauft und folgt dem Bräutigam ins Haus seines Vaters; im andern Falle muß der junge Gatte als Knecht in den Dienst seines Schwiegervaters treten.  Eine Hochzeit ist ein Fest, an dem der ganze Stamm Theil nimmt, ebenso die Geburt eines Kindes; denn je mehr Kinder eine Familie hat, desto höher steht sie in der allgemeinen Achtung.  Daraus entspringt denn auch die allzu zärtliche Liebe der Eltern zu ihren Kindern, was wiederum den Mangel an Pietät vor dem Alter Seitens der Jugend zur Folge haben mag.  Vielweiberei kommt nirgends vor.  Ihre Todten sollen sie erst einen Tag beweinen und dann ohne jegliche Ceremonie im Walde verscharren; kein Stein, kein Zeichen wird auf die Begräbnißstätte gelegt.

Jedes Dorf steht unter einem Oberhaupte, Taurang genannt, dessen Macht indeß keine bedeutende und mit keinen besonderen Einkünften verbunden ist.  Bei Zwistigkeiten hat er Recht zu sprechen; in wichtigeren Fällen aber versammelt sich bei ihm ein Rath aus allen Familienhäuptern, der die Sache entscheidet. Einige Nachbardörfer haben sich auch unter einem gemeinsamen Obertaurang vereinigt, wie Tohutok einer ist.

Dieselben Gebräuche, dieselbe Selbstverwaltung fand ich mit wenigen Veränderungen auch bei den anderen Stämmen.  Der Unterschied zwischen ihnen, wie erwähnt, liegt hauptsächlich in ihrem Typus, dann im Costüm und der mehr oder minder niedrigen Kulturstufe, auf die sie stehen.

Die Saprêk, welche wir noch nicht näher betrachtet haben, sind zwar auch nicht groß von Wuchs, doch größer als die südlicher lebenden Stämme (mittlerer Wuchs 62.8 Zoll nach meinen Messungen) und besser gebaut als diese.  Nicht selten sieht man unter ihnen starke Gestalten mit guter Muskelbildung, besonders an den Beinen. Ihr Gesicht ist gleichfalls breit, die Backenknochen und Unterkiefer hervorstehend, aber der Ausdruck edler, gesetzter.  Die Augen stehen gerade, sind aber nicht groß; die Farbe des Iris ist ein schönes Braun.  Die Lippen sind dick, der Mund aber nicht breit.  Die Farbe der Haut ist ein reines Dunkelbraun.  Das Haar ist schwarz, oft mit einem Stich ins Braune, dicht und straff.  Es wird bis auf Nackenweite abgeschnitten, stark geölt und mit einem blauen oder rothen Bande, mit Perlenreihen oder Ketten zusammengehalten.  Manche tragen auch kleine Schellen oder gelbe Blumen im Haar.  Ihre Kleidung ist schon oben beschrieben (bei Gelegenheit meines Besuches).

Ihre Frauen sind kräftige, wohlgefällige Figuren mit gut geformter Taille und Büste.  Sie sehen fröhlich und zufrieden aus, und hübsche junge Gesichter mit munteren schelmischen Augen sieht man oft. Alte Weiber sind aber total häßlich.  Ihre Kleidung ist äußerst einfach, doch nicht ohne Geschmack oder unvortheilhaft für ihre Erscheinung.  Die knappe chinesische Blouse und die kurzen, weiten Beinkleider stehen ihnen vortrefflich. Außer einer Masse von Zinn- und Messingringen an den Armen haben sie fast gar keinen andern Zierrath an sich.

Das hoch im Gebirge gelegene Dorf Saprêk besteht aus einzelnen, 50 bis 100 Faden von einander entfernten Hütten, die ein schmaler Pfad verbindet.  Die niedrigen Wände sind aus Stroh geflochten, ohne Fenster und Thüren; beide ersetzt eine offene Wand, die bei Nacht mit Matten zugedeckt wird.  Das conisch zulaufende Dach ruht auf einem starken Bambusgerippe.  Das Innere der Hütte zerfällt in zwei Theile; in der vordern, hellen Hälfte hält man sich am Tage auf, in der hintern, dunklen, wo auch der Herd steht, bei Nacht.  Oft ist vorn auch den Schweinen ein Winkel abgetheilt.  Das Hausgeräth ist meist chinesisch, aber ärmer als bei den Sabari.  Da sie keinen Reis bauen, so halten sie keine Büffel, desgleichen keine Hühner, Enten und Gänse, weil sie alles Geflügel (ebenso Eier) in den Speisen verabscheuen.  Sie leben vorzüglich von der Jagd, denn außer etwas Yams, Kartoffeln und Gemüse wird nicht angebaut.  Ihre Waffen sind dieselben, wie bei den vorigen Stämmen, nur besser gearbeitet und verziert; sie werden sehr rein gehalten.  Die Pilám unterscheiden sich von den Saprêk nur durch höheren Wuchs und durch ernstere finstere Gesichtszüge.  Ihre Frauen sind im Ganzen nicht schön und tragen viel Zierrathen an sich.  Im Ganzen lassen sich diese beiden Stämme als Uebergang von den Eingeborenen Süd-Formosas zu den Stämmen Mittel-Formosas betrachten.

Auf Formosa.

Ethnographische Wanderungen von Paul Ibis.

V.

In Mittel-Formosa: Durch die Provinz Fung-shan-hién. -- Das chinesische Landvolk. - Ankunft in Bankimtsung auf der katholischen Missionsstation. -- Ausflug zu den Katsausán. -- Ueber Takao und Tai-wan-fu nach Lakuli. -- Das Gebiet der Pepo-hwan. -- Die Hakka. -- Die Stämme Bantauráng und Katsausán: Aeußeres, Kleidung, Wohnung u.s.w.

Am zweiten Februar kehrte ich Long-kiau den Rücken; bis Pong-liau folgte ich dem alten Wege, ohne mit neuen Stämmen in Berührung zu kommen, dann nahm ich meine Richtung nach Nordosten, quer durch die dicht bevölkerte und äußerst fruchtbare Provinz Fung-shan-hién.  Dieselbe ist entschieden der schönste Theil Formosas und eine der reizendsten Landschaften, die ich überhaupt gesehen.  Wie ein großer Garten  dehnt sie sich aus vom Seeufer bis zum Fuße der blauen Bergriesen, die mit ihren zackigen Häuptern und scharfen Umrissen einen kraftvollen Hintergrund zu den mild-grünen Feldern und Bambus- und Palmenhainen bilden.  Die zahllosen Dörfer liegen verborgen im Schatten riesiger Bambusbüsche, Bananen und Fruchtbäume und zeichnen sich durch eine Reinheit und Niedlichkeit aus, wie ich sie nie bei den prosaischen Chinesen erwartet hätte.  Das Landvolk selbst, besonders in Gegenden, wo noch nie Europäer gewesen, ist gutmüthig, gastfreundlich und ehrlich, ein förmlicher Gegensatz zu den Chinesen, mit denen wir in den Handelsstädten des Festlandes in Berührung kommen und nach denen, wie es scheint, sich das allgemeine Urtheil über das ganze Volk gebildet hat.  Denn gewöhnlich nennt man das chinesische Volk kurzweg faul, morsch, entartet und was desgleichen noch.  Es ärgert mich immer, ein ganzes Volk durch ein leicht hingeworfenes Wort verdammen zu hören, besonders wenn es nicht allein durch Leute geschieht, die jahrelang in Hong-kong oder Shanghai am Comptoirpult gesessen haben und sich darum berechtigt glauben, ein Urtheil über die Chinesen zu fällen, wenn sie auch nur mit Compradores, Ladendienern und Chair-Kulis die ganze Zeit über zu thun hatten.  Der Raum verbietet mir leider, meine Einwendungen dagegen umständlicher auseinanderzusetzen und meinen eigenen Ansichten über China und das chinesische Volk Ausdruck zu geben; den Bauer will ich aber ein wenig in Schutz nehmen, auf die Gefahr hin, vom geraden Wege abzuspringen.

Je mehr ich mit dem Landvolke Formosas verkehrte, mich in seine Lage, Lebensweise und Ansichten hineinfand, eine desto bessere Meinung bekam ich von ihm, und schließlich schämte ich mich gründlich des Mißtrauens, mit dem ich anfangs die guten Leute behandelte.  Wo ich auch einkehren mochte, war ich immer ein willkommener Gast, und das ganze Haus machte sich auf die Füße, um es mir an nichts fehlen zu lassen. Meine Sachen und mein Geld konnte ich ruhig stehen und liegen lassen, wenn ich ausging; sie wurden während der Zeit betrachtet, bewundert, aber nie kam mir etwas abhanden. Für das Nachtlager, für die Beköstigung meiner Person und meiner Leute wurde nichts verlangt, nie Geld angenommen; ich konnte mich ihnen nur durch kleine Geschenke dankbar erweisen.  Soviel über Gastfreundschaft und Ehrlichkeit im alltäglichen Verkehr; aber auch im Handel ist der Chinese ein zuverlässiger Mensch, der sein einmal gegebenes Wort getreulich hält.  Er fälscht seine Waare nicht, und liefert sie nie schlechter, als die Probe.  Nach dem Worte eines achtbaren Europäers in Takao, der beim Aufkauf ds Zuckers jahrelang mit dem Landvolke zu thun gehabt, werden all Contracte zwischen ihnen bloß mündlich geschlossen, und nie wurde ein solcher Vertrag gebrochen, wie vorteilhaft das auch dem durch nichts anderes als sein Wort verpflichteten Farmer oder Compradore gewesen wäre.  Wie zu sehen, begreift er den Spruch "Was du nicht willst, daß man Dir thu', das füg' auch keinem andern zu!" und lebt danach.  Dasselbe erwartet er denn auch, und mit allem Recht, von Anderen.  Wie er selbst im Umgange ehrlich, höflich und zuvorkommend ist, so muß man auch ihm entgegenkommen.  Eine geringschätzige Behandlung, wie sie sich die Europäer in China nur zu oft zu Schulden kommen lassen, beleidigt ihn, und dann versteht er keinen Spaß.  In den meisten Fällen, wo Europäer in China vom Volke gesteinigt oder durchgeprügelt wurden, hatten sie es nicht anders verdient, und man muß nicht gleich an politischen Haß oder Barbarei denken, wenn man hört, daß ein salbungsvoller Betbruder oder dünkelhafter Ladenschwengel mal wieder in einem chinesischen Dorfe Schläge bekommen hat; die Zeitungen werden darüber natürlich Schreckensgeschichten erzählen.  Das Familienleben der Bauern ist ein friedliches und meist glückliches.  Mann und Frau behaupten im Hause gleiche Rechte, sind gleich arbeitsam und gleich bemüht, ihre Kinder zu ehrlichen, nützlichen Leuten heranzuziehen.  Von einem Einsperren der Frauen und Mädchen ist hier keine Rede; wer Hände hat, soll arbeiten.  Die Prostitution herrscht nur in Städten und keinesfalls offener und frecher, als in Europa; hier im Dorfe, wo jeder früh heirathet, kann sie gar nicht aufkommen. Auch Kebsweiber hält der Bauer nicht, das wäre ihm zu kostspielig; ist seine Frau unfruchtbar, so erlaubt ihm ja das Gesetz, sich scheiden zu lassen. Ueberhaupt ist er mäßig in seiner Lebensweise, trinkt wenig und raucht selten Opium, dessen schädliche Folgen er hinlänglich kennt, und das ihn auch bald an den Bettelstab bringen würde.  Sonst liebt er Geselligkeit; bei einer Tasse Thee und einer Pfeife Taback schwatzt er gern des Abends beim Nachbar oder im Tempel, der in Dörfern mehr die Bedeutung eines Clubs zu haben scheint.  Ferner ist der chinesische Bauer weit selbständiger, und trotz der strengen Gesetze freier als in vielen anderen Ländern.  Denn er kennt seine Gesetze genau, weiß, was sie von ihm fordern, was sie ihm verbieten, und lebt er nach ihnen, so tritt ihm keiner zu nahe.  Seine Abgaben sind nicht übertrieben groß, so daß er bei einigem Fleiße bald zum Wohlstand kommen kann.  Bettler sieht man gar nicht, da jedes Dorf seine Armen und Altersschwachen selbst versorgt.  Denn jeder Bemittelte sieht seine Ehre darin, dem Darbenden zu helfen, und aus den freiwilligen Gaben werden Kleider, Nahrungsmittel, Medicin, selbst Särge angeschafft, die im Tempel aufbewahrt und jedem wirklich Nothleidenden gegeben werden.  So ist der chinesische Bauer.  Kann man ihn entartet nennen?  Ich sehe in ihm nur einen braven Menschen.

Doch zurück zu meiner Reise.

Nach einem scharfen Marsche traf ich am 4. Februar in Bankimtsung ein, wo ich beim katholischen Missionär, Pater C., eine freundliche Aufnahme fand.  Dieser Pater, einer der leutseligsten und nobelsten Menschen, denen man begegnen kann, ist schon seit zwölf Jahren in Formosa und hat sich hier dermaßen eingelebt, daß ihm der Gedanke an eine Heimkehr nach Europa längst nicht mehr in den Sinn kommt.  Einfach und immer heiter in seiner Umgangsweise, besitzt er das volle Vertrauen und die Liebe seiner Gemeinde, und das, wie er sagt, ersetzt ihm alle Entbehrungen eines einsamen Lebens fern von der Heimath.

Bankimtsung, das östlichste Dorf in der Ebene, liegt hart am Fuße der Gebirges, daß hier direct zu bedeutender Höhe emporsteigt.  Es ist von Pepo-hwan bewohnt, d.h. von Malayen, welche die chinesische Civilisation angenommen und unter chinesischenm Schutze stehen.  Diese Leute leben mit ihren unabhängigen Stammverwandten in den benachbarten Bergen in leidlich gutem Verhältniß; daher war es nicht schwer, von hier aus dem Stamme Katsausán einen Besuch abzustatten.  Ein Führer und Träger, welche Samshu und Betel und obendrein ein Ferkel mitzunehmen, hatten, waren leicht aufzutreiben, um so mehr, da der Dorfmandarin, ein alter Malaye, selbst die erforderliche Anzahl Leute herbeischaffte und alle Plackereien bei Einkäufen und Vorbereitungen auf sich nahm.

Die Katsausán leben in 22° 35' nördl. Br. jenseits der Wasserscheide in einer rauhen, durchaus für Ackerbau oder Viehzucht ungeeigneten Gegend.  Ihre Dörfer liegen hoch im Gebirge und sind nur auf mühevollem Wege zu erreichten; sie stehen unter einem gemeinsamen Häuptling, einem noch jungen Manne.  Das Dorf, welches ich besuchte, wird von den Chinesen Tau-sia genannt; es liegt etwa 10 Meilen von Bankimtsung entfernt.  Im Allgemeinen hörte ich wenig Gutes von den Katsausán.  Sie gelten als roh, ungestüm, trunksüchtig und habgierig; doch will es mir scheinen, als ob die Pepo es mit den Fehlern ihrer Nachbarn etwas zu streng nehmen. Eitel und aufbrausend fand ich sie zwar, besonders im berauschten Zustande, wo sie denn auch leicht Unheil anrichten können; doch im nüchternen Zustande waren es angenehme, lebhafte Leute, welche man nicht zu fürchten braucht.  Zudringlich könnte man sie allenfalls auch noch nennen, doch sind sie es in einer zu kindischen Weise, um wirklich lästig zu werden; sie bitten um Alles, was sie erblicken, doch giebt man es nicht, so sind sie auch zufrieden.

Als ich diesen Abstecher mit Erfolg ausgeführt, kehrte ich nach Takao zurück, um mich einige Tage auszuruhen und meine erschöpften Vorräthe zu erneuern.

Am 9. Februar rückte ich wieder aus, erst nach Tai-wan-fu, wo ich mich zwei Tage umsah, und dann gerade nach Osten, bis nach Lakuli (22° 2½' nördl. Br. und 120° 47' östl. L. Gr.), wo ich wieder mit einem unabhängigen Stamme zusammentraf.  Das ganze Land zwischen Tai-wan-fu und Lakuli ist ein fruchtbares und schönes Bergland.  Einen allmäligen Uebergang vom Tieflande zum Hochgebirge bildend, ist es reich an Scenerien der abwechselndsten Art, was die mühevolle Reise durch Schluchten und über Bergrücken sehr angenehm macht.  Denn auf jeder Höhe öffnet sich vor den Blicken ein neues Panorama, herrlicher und großartiger, als das vorige.  Der Weg läuft im Zickzack bald durch eine enge Schlucht oder zwischen senkrechten nackten Schieferwänden hin, bald durch Reis- und Zuckerfelder oder schattige Gärten, dann wieder steil bergauf, bergab, über Flüsse und durch den Urwald.  Je weiter man nach Osten kommt, desto enger werden die Thäler und desto seltener die bebauten Flecke; der Wald wird größer und dichter, und östlich von Lakuli, dem letzten von den Pepo-hwan bewohnten Dorfe, bedeckt er ununterbrochen das Gebirge; dort ist das Territorium des gefürchteten Stammes Bantauráng.  Den westlichen Theil des Berglandes zwischen Tai-wan-fu und Lakuli bewohnen Chinesen, den östlichen vornehmlich Pepo-hwan, welche hier ihre Nationalität besser beibehalten haben als in der Ebene.  Beide, Chinesen und Pepo, leben in den Thälern, wo der fruchtbare Boden den Ackerbau äußerst vortheilhaft macht; auf den Höhen aber, und vorzüglich in der höchsten Bergregion, traf ich einen sonderbaren Menschenschlag, der weder mit Chinesen noch Eingeborenen Aehnlichkeit hatte; die Chinesen nennen sie Hakka.  In ihrem Aeußern liegt nichts Mongolisches, nichts Malayisches, vielmehr etwas, was manche zur Annahme verleitet, sie für Zigeuner anzusehen, also zur indo-germanischen Race zu zählen.  Andere behaupten (wohl mit besserm Rechte, s. Ratzel: Chines. Auswanderung, S. 124), sie seien die Aboriginer des Gebirges von Süd-China, welche mit Kantonesen seit Langem nach Formosa gekommen.  Welche Ansicht die richtige ist, ist schwer zu bestimmen; denn die Hakka sind in ihrer Lebensweise ganze Chinesen geworden, haben ihre Sprache vergessen und wissen nichts aus ihrer Vergangenheit zu berichten; allein aber nach dem Aeußern zu entscheiden, ist doch etwas gewagt.  Die Hakka sind meistens starke, musculöse Figuren, dunkler als Chinesen und Malayen.  Ihr Gesicht ist oval, die Stirn hoch, die Nase gerade und gut geformt; die Augen sind groß, liegen gerade und in gehöriger Vertiefung.  Die Lippen sind energisch geschwungen, nicht dick, und der Mund ist nicht groß.  Augenbrauen und Wimpern sind dicht und der Bartwuchs stark, denn Männer von 20 Jahren haben schon einen ganz stattlichen Schnurrbart.  Kinn und Wangen werden dagegen fleißig rasirt.  Ihr Gesichtsausdruck ist energisch, verständig, und in ihrem Wesen liegt die ernste, edle Ruhe, wie sie den echten Inder kennzeichnet.  Auch ihre Frauen sind schöner und besser gebaut als Chinesinnen, und stehen dem Wuchse nach in richtigem Verhältniß zu den Männern; ihre Füße verstümmeln sie nicht.  Die Hakka haben keine Dörfer; sie leben in stiller Zurückgezogenheit zerstreut im Gebirge, wo sie ein wenig Ackerbau treiben, hauptsächlich aber, wie es scheint, sich mit Viehzucht beschäftigen, denn Kuh- und Ziegenherden sah ich viel.  Für den Handel liefern sie Wolle, Kampfer und Ingwer.  Das ist alles, was ich über die Hakka sagen kann.

In Lakuli, wie gesagt, stieß ich wieder auf einen unabhängigen Stamm.  Es waren die Bantauráng aus den benachbarten Bergen, welche mit Weib und Kind zum Neujahrsmarkt nach Lakuli gekommen waren.  Auf diesen nur einen Tag dauernden jährlichen Handelsbesuch beschränken sich alle ihre Beziehungen zu den Pepo; sonst sieht man sie nie im Thale, und sie unangemeldet in ihren Dörfern aufzusuchen, halten selbst die Pepo für zu gewagt.  Mit ihnen weiter nach Osten vorzudringen, war nicht der Mühe werth; denn nach allen Erkundigungen gleichen ihre Dörfer und Wohnungen denen der Katsausán.  Dasselbe läßt sich auch von ihrem Aeußern sagen; nur sind sie um einen Ton heller als jene.  Beide Stämme unterscheiden sich indeß bedeutender, als ich voraussetzte, von den Eingeborenen Süd-Formosas, und will man sie mit einem andern malayischen Volke vergleichen, so ähneln sie weit mehr den Tagalen oder den Dayaks und Sulu-Insulanern, welche ich auf Labuan sah, als den Malayen von Malakka oder den Südsee-Insulanern.  Ihre Sprache steht dem Tagalischen noch näher als die Dialekte von Süd-Formosa.  Die Männer sind im Mittel etwas über 5 Fuß hoch, und gut und kräftig gebaut.  Das Gesicht ist bald oval, bald rund, und die Backenknochen wie der Unterkiefer stehen nicht merklich hervor. Die Augen sind groß, voll und dunkelbraun, Augenbrauen und Wimper dicht.  Die Nase ist nicht übermäßig breit, oft gerade und gut geformt.  Die Lippen sind zwar etwas fleischig, doch von guter Zeichnung. Die Hautfarbe ist nicht dunkler als die der Tagalen.  Das Haar ist eher dunkelbraun als schwarz; sie scheeren es nur über der Stirn, das übrige wird unter den Turban gewickelt.  Ihre Frauen kann man im Ganzen hübsch nennen, nur sind sie zu Vollleibigkeit geneigt und im Verhältniß zu den Männern zu groß von Wuchs.  Auffallend schön sind aber ihre großen glänzenden Augen und das wundervoll dichte und lange Haar.

Die Männer kleiden sich recht malerisch in blaue, gelbe und alle mögliche grelle Farben; besonders beliebt ist gelb.  Sie tragen eine oder mehrere leichte Jacken, einen großen schwarzen (bei den Katsausán auch rothen) Turban und statt der Beinkleider einen Schurz um die Hüften; doch das nur bei Ausgängen, zu Hause begnügen sie sich nur mit einer Binde um die Lenden.  Auf längeren Zügen werden die Beine mit Zeugstreifen umwickelt, die in der Art der Hosen zugeschnitten sind.  Besonders bunt kleiden sich die Bantauráng; ich sah Burschen, deren Jacken aus vielen verschiedenfarbigen Stücken zusammengenäht waren, oder die das eine Hosenbein von rother, das andere von grüner oder gelber Farbe hatten.  In den Ohren tragen sie keine Pflöcke, wie im Süden, sondern lange Ohrringe chinesischer Arbeit, die gewöhnlich mit Perlenquasten endigen.  Eine Menge Ringe an Armen und Fingern, Ketten und farbige Glasperlen, vorzüglich große, sind sehr beliebt, werden aber mehr von Frauen als Männern getragen.  In ihrem Costüm ziehen die Frauen auch hier bescheidenere Farben vor, als die Männer; die Grundfarbe ihrer Kleidung ist blau, weiß oder schwarz; die Verzierungen sind in farbigen Schnüren oder Stickereien ausgeführt und sehr einfach.  Sie tragen einen langen Rock, darüber eine Blouse oder weiße Jacke, welche letztere so kurz ist, daß sie die halbe Brust nackt läßt.  Die Füße sind vom Knöchel bis zum Knie mit Zeugstreifen bekleidet, so daß es aussieht, als ob sie enge Beinkleider trügen.  Ueber das leicht zusammengefaßte Haar wird ein großes helles Tuch geschlagen, das in schönen Falten auf den Rücken herabfällt. Darüber liegt ein breiter Kranz von Laub (bei den Bantauráng mehr gelbe Blumen), ein Putz, der ihren meist hübschen Gesichtern vortrefflich steht.  Ein leichtes viereckiges Tuch von blauer oder schwarzer Farbe vervollständigt das Costüm beider Geschlechter; es wird derartig über die Schulter geschlagen, daß es, den rechten Arm freilassend, den Rücken und die linke Seite bedeckt. Ferner tättowiren sich Männer und Frauen einige 5 bis 6 Linien breite Streifen längs der Außenseite des Armes und einige Striche längs dem Handrücken.  Die übrigen Körpertheile und das Gesicht werden nicht tättowirt.

Ihre Waffen (vorzüglich die Speere) zieren sie mit Haarbüscheln der erschlagenen Feinde, und ich muß bemerken, ich sah wenige, diese Zierde entbehrten.

Die Häuser im Dorf der Katsausán sind durchweg aus Schiefer erbaut; selbst Fenster- und Thürverschlüsse sind aus Schiefertafeln angefertigt, nur das Dach ruht auf einem Bambusgerippe.  Das Wohnhaus lehnt sich immer mit dem Rücken an die Bergwand.  Die Mauer ist an der Fronte kaum vier Fuß hoch; doch geht das Dach hoch hinauf, so daß das Innere ziemlich geräumig ist.  Der Eingang in das Haus ist gewöhnlich an der rechten Seite, man betritt erst eine Art Vorzimmer, aus dem man dann durch eine Thür links abbiegt in das eigentliche Wohnzimmer, einen weiten durch ein paar Fensteröffnungen hinreichend erleuchteten Raum.  Um die Wände laufen 1 Fuß hohe Schlafstellen, die mit Matten und Fellen bedeckt sind und zugleich alles andere Mobiliar ersetzen. In einer Ecke steht der Herd.  Das Hausgeräth ist chinesisch.  Vor jedem Hause ist ein freier Platz, auf dem die Vorrathskammer steht; diese, ein hohes Strohdach, ruht auf 4 bis 5 Fuß hohen Pfosten, die oben mit weiten Schieferrädern endigen, um Ratten und Mäusen den Zutritt abzuschneiden.

In ihrer Lebensweise und ihrer Entwickelung stehen sie mit den Saprêk auf gleicher Stufe.  Von den Bantauráng wird erzählt, daß sie ihre Todten innerhalb der Häuser begraben.  Was ich übrigens im Süden nirgends hörte, war ein ziemlich geregelter einstimmiger Gesang mit Vorsänger und Chor; das melancholische Motiv erinnerte mich an die alten Gesänge der Sandwichinsulaner.

Da die Bantauráng in der Nacht nach meiner Ankunft Lakuli verließen, für mich also dort nichts mehr zu thun war, so wanderte ich nach Nordwesten durch das Gebiet der Pepo-hwan, und erreichte am 20. Februar die Kreisstadt Kagi, von wo aus ich wiederum einen Abstecher in die Berge zu machen beabsichtigte.

Auf Formosa.

Ethnographische Wanderungen von Paul Ibis.

VI.

Die Pepo-hwan: Ihre Dörfer. -- Religion der Pepo. -- Tanz. -- Aeußeres, Kleidung v. der Pepo. -- Von Kagi bis Tschang-hwa. -- Bei den Sek-hwan: Die Stellung dieses Stammes zu den Chinesen und übrigen Eingeborenen. -- Der Typus der Sek-hwan. -- Im Norden der Insel. -- Abreise. -- Vermuthungen über die Abkunft der Eingeborenen Formosas. -- Einige Wörter aus den Sprachen von Formosa.

Dörfer der Pepo-hwan oder Pepo trifft man zwar auf der ganzen Strecke von Bankimtsung bis Kagi und immer in der Nähe des Gebirges, doch kann man als ihr eigentliches Gebiet das besprochene Bergland östlich von Tai-wan-fu bezeichnen, besonders den östlichen Theil desselben, wo das Land schon einen entschieden gebirgigen Charakter annimmt.  Ihre Dörfer, wir Lakuli, Poe-ting-loe, Tau-sia und andere, sind bedeutende Orte von 200 bis 300 Einwohnern und geben an Schönheit der Lage und innerer Einrichtung den chinesischen Dörfern in Fung-shan-hién nichts nach. Es sind vielmehr üppige Gärten, unter deren Schatten und Kühle sich die Menschen zurückgezogen haben.  Arecapalmen, Papaya und Bananen, mächtige Banyanen, Mango- und andere Fruchtbäume wetteifern hier an Fülle und Kraft des Wachstums, bald herrliche Gruppen zwischen den Häusern bildend, bald sie überwölbend oder ganz dem Blicke entziehend.  Um das Dorf läuft eine Allee aus riesigen Bambusbüschen, alles andere überragend.  Man fühlt sich so wohl und heimisch in der stillen Zurückgezogenheit eines solchen Ortes und unter den einfachen, gutherzigen Leuten, daß man ihm fast mit Wehmuth den Rücken kehrt, wie einem trauten Orte, von dem man auf immer Abschied nimmt.

Die Pepo unterscheiden sich gegenwärtig wenig von den Chinesen; mit der chinesischen Civilisation haben sie sich auch die chinesische Sprache angeeignet, und halten sich mit Ausnahme eine Dorfes, Tau-sia, an die Lehre des Confucius.  Ob sie ein einziger Stamm sind oder die Ueberreste mehrerer, vormals die ganze Ebene bevölkernder Stämme, übernehme ich nicht zu entscheiden.  Ist das Letzte der Fall, so haben sie sich jedenfalls stark mit einander vermischt und auch wohl fremdes Blut (chinesisches und holländisches) aufgenommen, was eine Ausgleichung ihrer Stammunterschiede zur Folge haben mußte.  Uebrigens würden ihre Traditionen neben vielem andern Interessanten auch über diese Frage Auskunft geben, die zu sammeln für hiesige, chinesisch sprechende Europäer nicht schwer wäre.  Denn die Traditionen und Sagen der Pepo leben noch fort: ich hörte sie Lieder in malayischer Sprache singen, welche, wie sie sagten, von ihren wilden Vorfahren gesungen wurden, und deren Sinn alte Leute noch verstehen.  So viel ich durch meinen schlechten Dolmetscher herausbringen konnte, besingen diese Lieder-Mond und Sonnenschein, Wald und Freiheit, und die Heldenthaten verschiedener großer Häuptlinge.

In dem Dorfe Tau-sia (etwa 23° 12’ nördl. Br. und 120° 32’ östl. L.) fand ich noch die Religion der alten Pepo erhalten.  Diese besteht in der Verehrung uralter Thierschädel und Hirschgeweihe, welche in einer besonderen Hütte aufbewahrt werden. Die Leute wissen selbst nicht, woher diese Schädel und Geweihe stammen; sie haben sie von ihren Vorfahren geerbt, denen sie schutz-und heilbringend waren; warum sollten sie es auch jetzt nicht sein?  Den Missionären ist es noch nicht gelungen, ihren Glauben an die Kraft dieser Heiligthümer zu erschüttern, denn in Tau-sia haben sie nicht viele getauft.  Ich sah zwei solcher Schädelhütten.  In der einen, im Dorfe selbst, waren ein Paar Schädel, ein Hirschgeweih und zwei alte Speere symmetrisch an eine Art Altarwand befestigt und mit bunten Steinchen behangen.  Einige Wasserkrüge, Töpfchen mit Samshu und Arecazweige standen und lagen davor, es waren die Opfer, welche die Leute den Heilgithümern in wichtigen Lebensmomenten darbringen.  Die andere Hütte, auf dem Felde, war schon in halb-verfallenem Zustande.  Zweimal monatlich muß jeder Pepo den Schädeln etwas opfern, gewöhnlich Reis, Samshu, Arecanüsse und dergleichen.  Beim Eintritt in die Hütte entblößt er das Haupt und bespritzt den Altar mit einem Mund voll Samshu, wobei er sich verbeugt und in die Hände klatscht und dann seine Gaben vor den Alter legt.  Darauf beschränkt sich der ganze Cultus.  Vor einem wichtigen Unternehmen, bei Eheschließungen, bei der Geburt eines Kindes und in allen anderen wichtigen Lebensmomenten ist dasselbe zu thun.  Priester giebt es nicht.

Etwas anderes, was die chinesische Civilisation noch nicht verdrängt hat, ist ihr Tanz, ein wilder Rundtanz mit Gesang, der nur in mondhellen Nächten aufgeführt wird.  Die Leute versammeln sich dann vor dem Hause des Aeltesten, und während die Alten plaudernd Thee trinken, rauchen und Betel kauen, giebt sich das junge Volk dem Vergnügen des Tanzes hin: bunt durcheinander bilden junge Mädchen und Burschen eine feste Kette.  Der Gesang beginnt, eine schwermüthige sich fortwährend wiederholende Phrase.  Zierlich die Füße setzend, machen sie dabei je einen Schritt rückwärts und zwei Schritte in diagonaler Richtung vorwärts, wodurch sich der Kreis langsam in die Runde dreht.  Der Gesang wird allmälig lauter, das Tempo schneller und schneller, und die zierlichen Schritte gehen in ein wildes Springen und Stampfen über, bis schließlich die Kette reißt und die Tanzenden theils auseinanderstolpern oder unter allgemeinem Gelächter ins Gras purzeln.  Besonders leidenschaftlich geben sich die Mädchen dem Tanze hin; mit ihren flatternden Kleidern, wild-glühenden Gesichtern und dem aufgelösten langen Haar machen sie einen fast unheimlichen Eindruck auf den Unbetheiligten.  Zum Tanze verändern sie etwas ihr Costüm, indem sie ein leichtes schwarzes Tuch um die Hüften schlagen; diese und das reiche aufgelöste Haar macht sie den Tagalinnen täuschend ähnlich.

Ihrem Typus nach kommen die Pepo dem Bantaurang am nächsten, nur sind sie schwächer gebaut, als diese, und etwas höher von Wuchs (das Mittel ihrer Körpergröße ist nach meinen Messungen 65 Zoll engl.)  Der äußerst friedliche Gesichtsausdruck, mehr wohl noch das chinesische Costüm, macht sie auch den Chinesen nicht unähnlich.  Die meisten von ihnen tragen keinen Zopf, sondern wickeln das lange, stark geölte Haar um den Kopf, den sie wie alle Chinesen auf Formosa (und in der Provinz Fu-kiang) mit einem großen schwarzen Turban bedeckt haben.  Ihre Frauen sind nicht so schön, als die Frauen der Bantaurang, ihre Züge sind meistens unregelmäßig, doch stehen sie ihrem Wuchse nach im richtigen Verhältniß zu den Männern.  Ihr Costüm besteht aus der kurzen Jacke der Frauen von Bantaurang, kurzen schwarzen oder dunkelblauen Beinkleidern, die gewöhnlich bis über das Knie aufgeschlagen sind, und aus dem erwähnten schwarzen Tuch, das wie bei den Bantaurang über die linke Seite herabfällt.  Die Ränder der Kleider sind mit rothen, weißen oder blauen Schnüren umnäht.  Auf dem Kopfe tragen sie einen schwarzen Turban von oft abenteuerlicher Größe.  Glasperlen, Arm- und Ohrringe sind nur mäßig im Gebrauch.  Das Haar wird, wie an der Südspitze der Insel, mit einem rothen Bande umbunden und um den Kopf gewickelt.  In der Ebene kleiden sie sich in die chinesische Tracht.

Im Ganzen gelten die Pepo als friedliebende, arbeitsame und heitere Menschen.  Sowohl die Chinesen wie die Missionäre können nicht genug des Guten von ihnen erzählen.  Letztere behaupten, daß sie auch sehr begabt seien, leicht sich neue Kenntnisse aneigneten und begierig seien, etwas Neues zu erlernen; diesem Umstande verdankt denn wohl auch die christliche Lehre den leichten Eingang, den die bei den Pepo-hwan bisher gefunden.

Weder in Kagi noch in den nördlicher gelegenen Dörfern gelang es mir, einen Führer in die Berge zu bekommen.  Gewalthäthigkeiten, die sich die Kalé unlängst gegen Chinesen erlaubt hatten, machten die Reise unsicher, und keiner willigte ein, mich zu begleiten.  So sagte man mir nähmlich; doch wollte es mir scheinen, als ob die Mandarinen, denen meine Persönlichkeit und Pläne hinlänglich bekannt und ein Dorn im Auge waren, ihre Hand dabei im Spiele hätten; denn ihrer Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit allein konnte ich es nicht zuschreiben, daß ich von nun an immer einige Soldaten zur Begleitung hatte, die mit Leib und Seele zu meiner Verfügung gestellt sein sollten, aber schon den ersten Befehl nach Hause zu gehen nicht erfüllten.  Allein in die Berge zu dringen war nicht möglich, da zu einer solchen Tour, außer Geschenken für die Eingeborenen, immer einiges Gepäck gehört, also Leute nöthig sind; außerdem hatte mich das Fieber, welches mich schon im Süden auf der Tour in das Butang-Land erfaßte, von der Nutzlosigkeit eines solchen Unternehmens überführt.

Erst von Tschang-hwa aus konnte ich wieder vom geraden Wege abweichen und dem Stamm Sek-hwan einen Besuch abstatten; denn derselbe, der intelligenteste und civilisierteste von allen, hatte sich unlängst freiwillig unter chinesischen Schutz gestellt, erfreute sich aber schon lange vordem der Reputation eines durchaus friedlich gesinnten, ernsten und gastfreundlichen Menschenschlages; also konnte selbst der ängstliche Mandarin mich ruhig ziehen lassen.

Die Sek-hwan leben etwa 20 Meilen nordöstlich von Tschang-hwa (unter dem Wendekreise) in dem milden Terrassen- und Hügellande, mit dem das Gebirge hier beginnt.  Sie haben mehrere Dörfer, welche der Bauart und Anlage nach den chinesischen gleichen und von ihren früheren Häuptlingen, jetzt Dorfmandarinen, beaufsichtigt werden.  In einem dieser Dörfer, Toa-sia, traf ich am 24. Februar ein und fand in dem presbyterianischen Missionshause daselbst freundliche Aufnahme.  Der Dorfmandarin selbst übernahm die Sorge für meinen Tisch, und jeden Mittag und jeden Abend wurde ich in einer Art Procession zu ihm geleitet, wo ich seine gesottenen Hühner und Enten und Ferkelbraten zu vertilgen hatte. Es war nicht so leicht, sich in das ernste und ceremonielle Wesen der Sek-hwan hineinzufinden, und komisch genug, so allein und ernst dazusitzen und feierlich abgefüttert zu werden.

Die Sek-hwan weichen in ihrem Außern mehr als alle anderen Stämme vom malayischen Typus ab, so daß man sogar ihre malayische Abkunft bezweifeln könnte, wenn nicht ihre Sprache wie ihr ganzes Wesen dem widersprächen.  Im reifen Manne erkennt man kaum den Malayen wieder, so scharf und energisch sind seine Gesichtszüge, so hoch sein Wuchs (im Mittel 67 Zoll englisch; doch sind viele über 70 Zoll hoch), so kräftig sein Körperbau und hell die Hautfarbe.  Der Kopf ist oval, die Stirn hoch, die Augen groß und gerade.  Die Augenbrauen sind dicht, die Wimper lang; Haar und Bartwuchs wie die Behaarung des Körpers sind stärker als bei Chinesen oder anderen Malayen.  Die Nase ist zwar dick, aber nicht platt; Mund und Zähne sind ungemein groß.  So der reife Mann; aber Kinder, auch noch Jünglinge unter 20 Jahren, am meisten aber die Frauen, lassen keine Zweifel über ihren Typus aufkommen: sie sind reine Malayen, wenn man die helle Hautfarbe und die großen, vollen Augen nicht in Betracht nimmt.  Hier war es übrigens nicht das erste Mal, wo ich die Bemerkung machte, daß nach Kreuzungen die Frauen weit reiner ihren ursprünglichen Typus bewahren als die Männer; und daß die Sek-hwan einen guten Theil fremdes Blut aufgenommen haben, kann nicht bezweifelt werden.  Es gehörte nämlich zum Colonisationssystem der Holländer, sich mit den Eingeborenen der eroberten Länder ehelich zu verbinden, um sie fester an sich zu knüpfen.  Das geschah auch auf Formosa.  Auf einer kleinen Insel auf der Rhede von Kelong hat sich bis heute ein Häuflein Menschen (gewöhnlich auch Pepo-hwan genannt) erhalten, deren Aeußeres keine Zweifel über starke Kreuzung mit der kaukasischen Race aufkommen läßt.  Dasselbe läßt sich auch von den Sek-hwan vermuthen.  Einige alte holländische Documente, die bei ihnen gefunden sind, ferner ihr höherer Culturzustand, den sie schon behaupteten, noch ehe sie unter chinesischem Einfluß standen, widersprechen wenigstens dieser Annahme nicht, wenn sie auch unzureichend sind, um sie zu bestätigen.  Den Taback zu bauen haben sie sicher von den Holländern und nicht von Chinesen erlernt; denn er heißt in ihrer Sprache Tamako, während das chinesische Wort dafür Hun oder Tscha-hun ist.  Ferner verfertigen sie aus einer Art Hanf ein feste Zeug das seiner Dauerhaftigkeit und Dichtigkeit wegen in ganz Nord-Formosa viel in Gebrauch ist, von Chinesen aber nirgends gewebt wird.

Die Sek-hwan rasiren den Vorderkopf und tragen das Haar im Zopf.  Ihre Kleidung besteht aus chinesischen Beinkleidern, Schuhen und einer eng-anschließenden Blouse aus ungebleichtem Leinen, die an den Aermeln und oft auch auf dem Rücken mit Stickereien verziert ist (horizontale Streifen in Roth, Blau und Weiß, recht geschmackvoll ausgeführt).   Die Frauen tragen das chinesische Costüm; nur ist ihre Haartracht eine andere.  Ein Theil der Haares wird nähmlich auf die Stirn herabgekämmt und geradlinig auf der Höhe der Augenbrauen abgeschnitten; das übrige wird am Wirbel zu einem festen Knoten gebunden.  Auf dem Kopfe tragen sie ein viereckiges schwarzes Tuch, dessen zwei Zipfel am Nacken leicht zusammengefaßt sind, so daß es eine Art Haube herstellt, die das Gesicht tief beschattet.

Die Sek-hwan beschäftigen sich hauptsächlich mit Ackerbau.  Außer Reis, Zucker, Areca und verschiedenen Früchten bauen sie auch Indigo, Thee und. wie gesagt, Taback.  Außerdem gewinnen sie noch Kampher und liefern Kampherholz nach Tschang-hwa.
Die Sek-hwan waren der letzte Stamm mit dem ich in Berührung kam.  Von Toa-sia aus wäre es zwar ein Leichtes gewesen, zu den Tsui-hwan zu kommen, welche südlicher an den Ufern eines kleinen Bergsees leben und ebenfalls als ein friedliebender Stamm bezeichnet werden, doch meine Zeit erlaubte mir das nicht mehr; ich mußte nach Tam-sui eilen, um nicht die seltene Gelegenheit per Dampfboot nach Hong-kong zu kommen zu verpassen.

Die Tour von Toa-sia nach Tamsui war eine schauerliche.  Schon am Abend des ersten Tages bewölkte sich der Himmel, und den nächsten Morgen begann der Regen, der mich die ganze Zeit, fünf Tage hindurch, verfolgte.  Der schlüpfrige Weg, weit aus den Ufern getretene Flüsse, die zu durchwaten waren, und tausend andere Hindernisse machten die Reise durch den ohnehin öden Küstenstrich von Nordwest-Formosa äußerst angreifend und langweilig.  Die Nachtlager waren schlecht, weder wind-noch regenfest, denn die Küstenbevölkerung lebt hier augenscheinlich in großer Armuth; Eine Nacht mußte ich sogar auf dem Felde in einer verfallenen Capelle zubringen, nachdem ich vorher mit Hülfe meines Regenmantels das Dach ausgebessert und das Innere derselben von Knochen und Schädeln gereinigt.  Tag und Nacht durchnäßt und dem kalten Wind und Regen entgegen legte ich täglich 18 bis 20 Meilen zurück, und nur dieser starker Bewegung verdanke ich es, daß ich nicht ernstlich erkrankte.  Man kann sich daher denken, wie behaglich ich mich nach einer solchen Tour in Twa-tu-tia in Hause der Herren Brown & Comp. fühlte, deren Gastfreundschaft ich auch hier, wie in Tai-wan-fu, genoß.

Twa-tu-tia ist ein Dorf einige Meilen von Tamsui flußaufwärts, in der unmittelbaren Nähe der Theepflanzungen.  Die europäischen Handelshäuser in Tam-sui haben hier ihre Agenten, welche den Thee einkaufen, trocknen und einpacken.  Im Frühling, während der Thee Ernte, ist es ein recht lebendiger Ort, im Winter ziehen aber die meisten Europäer den Aufenthalt in Tam-sui von.

Nachdem ich mich in Twa-tu-tia ein wenig mit dem Theebetrieb bekannt gemacht, blieb mir nur so viel Zeit übrig, um den Kelong Fluß hinaufzufahren und die Kohlenminen von Kelong zu besichtigen.  Ich fand das Bergwerk dort noch ganz in primitivem Zustande.  An einen geregelten Betrieb der Arbeit ist kein Gedanke; jeder, wer arbeiten will, bohrt sich dort ein Loch, wo er Lust hat, und verwirft es ebenso nach Gutdünken.  Dies ist um so leichter, da die Kohlenplaste überall an die Erdoberfläche tritt, also der Anlage von neuen Gängen keine Hindernisse entgegenstehen.  Die Plaste hat eine Dicke von 25 bis 40 Zoll und fällt ab nach Süden unter einem Winkel von 15° bis 25°.  Die Gänge gehen diagonal und sind etwa 3 bis 4 Fuß hoch und 2 bis 3 Fuß breit, so daß nicht über zwei Mann in einem derselben arbeiten können; zwei andere schaffen in einem Karren die Kohlen an die Oberfläche, von wo sie in kleinen Barken nach Kelong gebracht werden.  Die chinesische Regierung hatte die Absicht, den Kohlenbetrieb von Kelong zu heben, doch nach der Meinung eines englischen Ingenieurs, der zu diesem Behufe hergeschickt war, ist die Plaste zu klein, um die Ausgaben für Maschinerien und eine Eisenbahn, die von den Minen an den Hafen führen sollte, zu decken. Anders würde die Sache liegen, wenn in der Nachbarschaft mehr Kohlen ausfindig gemacht werden.  Die Kohlen von Kelong sing gut, geben bloß 10 Prozent Schlacke und kosten pro Tonne nur 4 bis 5 Dollars.  Aus Kelong ging ich am 7. März auf einem chinesischen Kanonenboot nach Tam-sui, wo ich mich denselben Abend nach Hong-kong einschiffte.

Somit endete meine Reise durch Formosa und meine Bekanntschaft mit ihren Eingeborenen; für Reisende aber und Naturforscher bleibt da noch viel zu thun, viel in jedem Zweige der Naturwissenschaft.  Denn das eigentliche Centrum der Insel, das Hochgebirge, ist noch unerforscht und wird es wohl noch lange bleiben, da Dilettanten, wie ich und manche andere, die bisher Formosa durchreisten, weder die Zeit noch die gehörigen Kenntnisse besitzen, um mit großem Erfolg diese Partie der Insel erforschen zu können.  Das hier Berichtete -- wenig genug, doch alles was sich in zwei Monaten thun ließ -- hat daher nur den Zweck, die Aufmerksamkeit wissenschaftlich gebildeter Reisender auf diesen so schönen und wenig berührten Winkel Ostasiens zu richten.  Zugleich würde ich rathen nicht aus dem Westen ins Innere vorzudringen, sondern die Reise von der Ostküste der Insel zu beginnen -- etwa von Sau-o-Bay oder Pilam aus --, um nicht mit der chinesischen Regierung in Berührung zu kommen. Ferner muß man nicht Chinesen zu Begleitern und Packträgern haben; ihre Feigheit kann vieles verderben; sicherer ist man um Vieles in den Händen der Eingeborenen, wenn man es verstanden hat, ihr Zutrauen zu gewinnen.

Nach dem, was ich von den Eingeborenen Formosas sah, bin ich zur Ueberzeugung gekommen, daß man es hier zwar mit Abkömmlingen von Tagalen, nicht aber mit einem bestimmten Zweige der großen Tagala-Familie zu thun hat(8).  Sprachlich hat das Letzte wohl seine Richtigkeit, aber wir sehen es ja an den Pepo-hwan, wie leicht ein Stamm seine eigene Sprache vergessen und eine fremde sich aneignen kann; wenn daher die Dialekte Formosas mit einander und mit dem Tagalischen nahe verwandt sind, so ist damit noch nicht gesagt, daß die Insel ausschließlich von Luzon aus bevölkert ist.  Die nahe Lage Formosas bei den Philippinen, die herrschenden Winde und Strömungen, ferner eine Kette kleiner Inseln, welche Formosa und Luzon verbindet, alles das läßt zwar annehmen, daß die meisten Stämme von den Philippinen herstammen, doch können hier auch Prahus von Borneo, von den Sulu-Inseln oder Karolinen angelangt sein, wie unlängst ein Katamaran mit etwa 30 Palau-Insulanern bei Kelong ausgeworfen wurde.  Aus solchen zufällig hierher verschlagenen Familien entstanden mit der Zeit besondere Stämme, und wo sie sich mit späteren oder früheren Ankömmlingen vermischten, bildeten sich wieder neue Stammtypen aus; giebt man dabei noch zu, daß im Innern Formosas ehedem wirklich ein Papuastamm lebte, der theils in Kriegen ausgerottet wurde, theils sich auch mit den Malayen vermischte und so aufging, so ist es kein Wunder, daß wir auf Formosa so viele Stammtypen von der verschiedenartigsten Hautfarbe vorfinden, die sich bei dem äußlerst mangelhaften gegenseitigen Verkehr bis jetzt erhalten haben. Das ist meine Ansicht über sie Abkunft der malayischen Bevölkerung Formosas; sie zu verwerfen oder zu bestätigen ist Sache künftiger Forscher, die besser vorbereitet und mit mehr Zeit zu Werke gehen können, als ich.

Schließlich bemerke ich noch, daß die Eingeborenen von Formosa weder im Aussterben noch überhaupt in Abnahme begriffen sein können, etwa an der Südspitze ausgenommen, wo die unaufhörlichen blutigen Kriege zu solcher Vermuthung Anlaß geben.  Sie sind körperlich und geistig ein noch unverdorbenes Volk.  Spuren von verheerenden Krankheiten, wie der Syphilis und den Pocken, habe ich nirgends gesehen.  Da ihre Ehen früh geschlossen werden, so kann von geschlechtlichen Ausschweifungen auch nicht die Rede sein, was denn auch durch die große Anzahl von Kindern, die man in jedem Hause sieht, bestätigt wird.  Rüstige Greise von sechszig und mehr Jahren, die den Mund voll Zähne haben, sind keine Seltenheit, und krankhafte, sieche Personen sind mir gar nicht zu Gesicht gekommen.  Also kann sie das Schicksal der Tasmanier oder Neuseeländer schwerlich erreichen, auch wenn sie einmal unter chinesische Herrschaft gerathen und die chinesische Civilisation annehmen; denn die chinesische Civilisation hat zum Glück nicht die Eigenschaft, Völker auszurotten.
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Einige Wörter aus den Sprachen von Formosa und der Vergleich derselben mit dem Tagalischen werden vielleicht dem Leser von Interesse sein. 

Bei der Aussprache derselben ist zu bemerken: 1. Das k am Ende des Wortes ist eigentlich kein Consonant, sondern ein harter Abbruch des vorhergehenden Vocals; 2. das ë ist ein unbestimmter Laut zwischen ö und ü; 3. s und sch werden oft mit einander verwechselt; sonst ist die Aussprache die Deutsche.

Deutsch

Sabari, Bakurut etc.

Saprêk

Pilám

Katsausán

Bantauráng

Sek-hwan

Tagala

Eins

tsitsai

itá

issá

itá

liká

itá

issá

Zwei

tussák

tussá

luá

lussá

lusá

dussá

dalúa

Drei

turú

tru

tilú

trjú

turú

turú

tatló

Vier

spat

spat

pat

sipát

pátu

supát

appát

Fünf

rimá

rimá

rimá

rimá

limá

ksaup

limá

Sechs

nëm

onëm

nëm

unëm

númmo

kasüp-i-buda (9)

unëm

Sieben

pitú

pitjú

pitú

pitú

pitu

kasüp-i-dussa

pitú

Acht

wáru

háru

wóro

aru

bálu

kasüp-i-turú

ualo

Neun

siua

siwa

iwa

siwa

bagátu

kasüp-i-supat

siám

Zehn

purúi

polúk

púlu

pólok

pulukú

asit, isit

polo

Mann

kaljai

ukaljái

atáu

tschau-tscháu

aulái

sáu

laláki

Weib

wawájan

bawajan

babájan

babaján

wai-wai

mamajús

babai

Kind

kakidian

kakidian

amalúk

kaká

kunú

rakehál

batang

Vater

-

amadsëng

ama

amák

amakë

aba

ama

Mutter

-

-

ina

ina

inákë

iná

ina

Kopf

wungúi

kjalupáng

ingró

orú

alipogó

punú

ulo

Augen

matá

matsá

máta

matá

matá

daurik

matá

Nase

nusjú

nudjus

tingrán

nudjus

nunuó, nuó

mudsing

ilúng

Ohren

taringa

tsalinga

tangirá

tsalinga

Salinga

Sangila

Talinga

Zähne

walis

alió

wáli

alis, alió

Alië

Liping

Epin

Haar

wukusj

kuwalj

"

owalj

Büküss

Buhuk, wolo

Schnurrbart

nis-nis

nisch-nisch

nisch-nisch

nissi-nissi

Wasini, mutu-mutú

Mudusj

"

Hand

kajám

nimá

rimá

Limá

Alimá, arimá

Rimá

Kamai

Finger

tarurúik

tsasudsúkan

timúsch

Garugaú

Ramtsó

Takamüit

Dalirik

Fuß

ukrú

kulá

"

Kúra

Lapalé

Dedapál

Pa, lahatampá

Haus

tapaú

tabá

rumak

Tapaú

Tapau, tanganö

Humák

Bahai

Holz

kirang

kassiju

kauék

Kamaja

Kassiju

Kahéui

Kahui

Baum

kirang

kassiju

kauék

Kamaja

Kassiju

Kahéui

Kahui

Bambus

aúr

kabájan

"

"

Bale-balë

Batakan

Kawajan

Banane

-

-

bulibul

-

Bülé-bülé

Balibül

Saling

Areca

sawiki

sawiki

sawiki

Sawiki

Sawiki

Sawiki

"

Berauschende Getränke

wáwa

wáwa

báwa

Báwa

Wáwa

Inusat

Alak (Sndw.-Ins.:awa

Taback

támako

támaku

tasnako

Tamaku

Tamako

Tamako

"

Reis

kassát

wat, patái

rumái

-

Padai

Massük

Bigass

Wurát

Wurasi

Abuak

Bulati

Wurati

Dadass

Sotoi

 

-

Mahúum

Abjáu

-

-

Issú

Ussá

 

Katsang

Wabúi

"

Babúi

Wutúng

Barudsák

Pabúi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wattuk

Wattuk

"

Batú

Taurú

Badsúk

Assu

 

-

Miau

"

Niáu

Niaú

Balán

Pussa

 

Djurikuku

Júrikukku

"

-

Kúka

Patáu

"

 

Likau

Lekau

"

Dsjáu

"

Aláu

Usdá,-lukká

 

Karaján

Kaluluban

Rangit

Karurúwan

"

Kauás

Langit

 

Tingár

Kadáu

Kadáu

Atáu

Tsüngna

Lisach

Aráu

 

-

-

Abuaklang

-

Ilatt

Ilass

Bulang

 

-

-

-

-

Tareö

Bintúi

Bituin

 

Sapúi

Sapui

Apui

Sapui

Apui

Apúi

Apúi

 

Nanúm

Adúm

-

Dsaljúm

Lalúm

Daljúm

Tubig(?)

 

Wakru

Aziljái

-

Aputo, tscheljai

Aputó

batú

Bató

 

Raráng

Tjaráng

lalán

Lalán

(

Darán

Daán

 

Kamán

Kamaú

amakán

Kanú

Kanú

takané

Makain

 

Langúak

Langúak

-

Langúang

Máriang

Najatarú

marikit

 

-

Lakuiá

-

-

Matakula

saddéak

Massamá

 

 

Notes

  1. S. die Abbildung von Ta-kao "Globus" XXIX, S. 309.
  2. Bergl.  "Globus" XXIX, Nr. 20 S. 308.
  3. Nach F. Ratzel, Die chinesische Auswanderung S. 121, wäre Formosa vor dem siebzehnten Jahrhundert von China aus nur durch Seeräuber und Schiffbrüchige besucht worden.  Red.
  4. Nach E.G. Ravenstein (Geogr. Magazine, October 1874) ein eigener District.  Red.
  5. Siehe die Abbildung desselben "Globus" XXIX, N.21, S. 322.
  6. Ganz neuerdings sind die Baracken der chinesischen Truppen auf Formosa (es sind wohl die im Süden gemeint) von den Wilden niedergebrannt worden (f. L'Exploration, Nouvelles 8, p. 93), so daß die Ruhe nicht lange gewährt hat.  Red.
  7. Die Japanesen hatten in Hong-kong einen Vorposten.  Nach ihrem Abzug wurde das Lager mit 500 Mann chinesischer Soldaten besetzt und ausgebessert.
  8. Vergl. dazu Guerin: Vocabulaire du dialecte Tayal ou aborigene dè l'ile Formosa (Bulletin de la Soc. de Géogr. de Paris 1868, Novbr. et Décbr., p. 466) und Abbé Favre ebendas. S. 495,  Anderer Ansicht über die sprachliche und ethnische Verwandtschaft der "Chinwan" auf Formosa ist Schetelig (s. Prichell, Völkerkunde, S. 377), wonach diese "rohen Wilden" nur den sechsten Theil ihres Wortschatzes von ihren malayischen Nachbarn entlehnt haben, sonst aber durch ihre Sprache sich von ihnen trennen und der Bevölkerung des nahe gelegenen chinesischen Festlandes körperlich ehr nahe stehen sollen.  Red.
  9. Die Zahlenscala der Sek-hwan geht nur bis fünf; für Hundert haben sie aber ein eigenes Wort: hadtül; 12 heißt isidú-dussá, 13 isidú-turú u.s.w 20 dussá-isit, 30 turú-isit u.s.w.